Wirtschaft : Ein Stahlkocher wird RWE-Chef

Jürgen Großmann, Eigentümer der Georgsmarienhütte, löst überraschend Harry Roels ab / Lob von der IG Metall

Alfons Frese

Berlin - Damals, als Jürgen Großmann die marode Klöckner Edelstahl GmbH in Georgsmarienhütte übernahm, hatten ihm viele das nicht zugetraut und warteten darauf, „dass er auf die Schnauze fällt“, wie ein Weggefährte erzählt. Heute, 14 Jahre später, dürfte das so ähnlich sein. Denn am Mittwoch bestellte der Aufsichtsrat von RWE Großmann zum Vorstandsvorsitzenden ab Februar 2008. Amtsinhaber Harry Roels, seit 2003 RWE-Chef, geht dann in den Ruhestand. Für den Aufsichtsratsvorsitzenden Thomas Fischer führt künftig einer der „erfolgreichsten deutschen Unternehmer und Top-Manager“, den Energiekonzern. Und selbst von der IG Metall gibt es Lob. Der Osnabrücker Gewerkschaftschef Hartmut Riemann, der jahrelang mit Großmann zu tun hatte, spricht von „einem verlässlichen Typ“, der die Belegschaft meistens ordentlich bezahlt habe. Aber sich als echter Unternehmer auch schwer aufregen könne. Vor zwei Jahren habe der Patriarch sich unter Tränen bei seiner Belegschaft beschwert, da die tatsächlich für mehr Geld gestreikt hatte.

Der RWE-Aufsichtsrat entschied sich einstimmig für Großmann, teilte West LB-Chef Fischer am Mittwoch mit und bedankte sich bei Roels für dessen „ungewöhnlich erfolgreiche Amtszeit“. Offiziell wird das Ausscheiden des 58-jährigen Roels mit der „satzungsgemäßen Altersgrenze“ von 60 Jahren begründet. Doch der ruhige Niederländer, der anders als sein Kollege Wulf Bernotat von Eon nicht durch spektakuläre Akquisitionen auffiel, war vielen Aufsichtsräten zu defensiv. An den öffentlichen Debatten um Klimawandel, Strompreise und ein zukunftsfähiges Energiekonzept beteiligte er sich kaum. Schließlich fehlte dem Niederländer Roels die „regionale Verbundenheit“ mit dem Ruhrgebiet und dem politischen und wirtschaftlichen Revier-Establishment, wie ein Konzernkenner meint.

Der in Mülheim an der Ruhr geborene Großmann ist da die bessere Wahl. Von den 43 Unternehmen, die Großmanns Holding inzwischen umfasst, sind nicht wenige im Ruhrgebiet ansässig. Und bevor Großmann Anfang der 90er Jahre in Osnabrück selbstständiger Unternehmer wurde, war er bei den Klöckner-Werken in Duisburg tätig, zuletzt im Vorstand. Großmann hatte Eisenhüttenkunde studiert und in Berlin promoviert.

„Ein großer Netzwerker und Kommunikator“, sagt ein langjähriger Mitarbeiter über den 54-jährigen Großmann, der „mit Elan und Motivationsfähigkeit“ seine Unternehmensgruppe aufgebaut habe. Als Großmann im Frühjahr 1993 vom Klöckner-Konzern die Firma Georgsmarienhütte übernahm, war das trotz des symbolischen Kaufpreises von zwei D-Mark ein gewagter Schritt. Auch mit öffentlichen Mitteln modernisierte Großmann das Unternehmen und erreichte schon Mitte der 90er Jahre schwarze Zahlen. In jener Zeit entstand die Freundschaft zum damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder. Früher soll Großmann mal CDU-Mitglied gewesen, aber aus Ärger über Helmut Kohl die Partei verlassen haben. Heute pflegt er gute Kontakte nach allen Seiten. Und am liebsten im Restaurant „La Vie“. Ein Sternelokal in Osnabrück, in das der Zwei-Meter-Mann gerne Prominente und Geschäftsfreunde einlädt. Einmal soll er einen Spitzenkoch ausgewechselt haben, weil der nicht nach seiner Pfeife tanzte. Großmann darf das, denn das Restaurant gehört ihm.

Begonnen hatte er in Osnabrück 1993 mit 1250 Mitarbeitern, heute sind es knapp 10 000. Die Geschäftsführung in der Holding gab Großmann Ende 2006 ab und wechselte an die Spitze des Aufsichtsrats. Die Unternehmensgruppe, deren Produkte in ICE-Zügen stecken, in Raumfähren und nahezu jedem Auto, ist hoch profitabel. Das merken auch die Mitarbeiter, denn es gibt eine Gewinnbeteiligung – zuletzt 3500 Euro pro Kopf.

„Ein Mann, mit dem man auch über Soziales reden kann“, sagt Riemann, der IG Metall-Chef von Osnabrück, über Großmann. Vielleicht ist es das, was die Börse am Mittwoch eher verstimmt auf die Spitzenpersonalie aus dem Hause RWE reagieren ließ: Die Aktie verlor mehr als drei Prozent. Vielleicht haben die Anleger aber auch Angst vor sinkenden Strompreisen und entsprechend fallenden RWE-Margen. Jedenfalls meint Riemann, dass der Industrielle Großmann „ein Feeling hat für das, was man bei den Preisen machen kann und was man lassen sollte“. Weil viele Industriefirmen – und eben auch die von Großmann – unter den Stromkosten hierzulande ächzen würden.

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