Wirtschaft : Ein starker Euro lenkt Reisende in ferne Sonnenstaaten

PETER BOLM

Doppelte Preisauszeichnung auch im UrlaubskatalogVON PETER BOLMFür den deutschen Urlauber ist die europäische Einheitswährung zur Stunde noch kein Thema.Dollar, D-Mark, Peseta, Lira, Franc oder Schilling heißen die Zahlungsmittel, an die man sich als Globetrotter gewöhnt hat.Sie sind die Eintrittskarte in die Welt.Entscheidend bleibt dabei das Preis-Leistungsverhältnis und wie tief für die Ware "Urlaub" in die Tasche gegriffen werden muß.Die Reiselust ist zwar mit Blick auf die kräftigen Zuwachsraten der letzten Jahre inzwischen mit einigen Dämpfern versehen, jedoch immer noch ungebrochen und der Tourismus gehört zu den Branchen mit den besten Aussichten auf Expansion.Rund 77 Mrd.DM haben die Deutschen 1997 im Ausland ausgegeben, mehr als jemals zuvor.Gleichzeitig ließen die ausländischen Touristen mit einem Plus von fünf Prozent oder 28 Mrd.DM Rekordbeträge in Deutschland liegen. Die Deutschen gehören nach wie vor zu den urlaubsfreudigsten Nationen der Welt.Der Euro wird daran nichts ändern.Ganz im Gegenteil: Eine einheitliche Währung über die Grenzen der wichtigsten europäischen Reiseländer hinweg und die durch mehr Wettbewerb zu erwartende Preisstabilität werden den Markt beleben und neue Kräfte freisetzen.Matthias Heck von der NUR Touristik GmbH geht davon aus, daß der Reisekonsument zu den Gewinnern des Euro gehört und nicht zuletzt vom Wegfall der Umtauschgebühren profitiert.Heck verweist auf eine Studie des ifo-Instituts, wonach die Kosten für die vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Währungen erzwungene Kurssicherung zusammen mit der betriebsinternen Verwaltung bei den deutschen Unternehmen rund ein Prozent des BIP betrugen.Der Euro könnte helfen, 80 Prozent dieser Kosten in einer Größenordnung von 90 Mrd.DM einzusparen.Mehr Sicherheit und Freiheit im Reiseverkehr, sagt Branchenkenner Matthias Heck, werden sich positiv auf die Umsätze auswirken. Den Kursrisiken standen in den letzten Jahren allerdings auch deutliche Vorteile gegenüber.So erzielten die in der C & N Touristik AG verschmolzenen Konzerne Condor und Neckermann 50 Prozent der Umsätze mit Reisen in die Beitrittsländer.Da die D-Mark vor allem auf den starken Absatzmärkten Italien und Spanien seit 1990 in ihrer Realkaufkraft drastisch zulegte, mußten die Einkäufer weniger Geld auf den Tisch legen.Künftig heißt die Formel: Einkaufswährung gleich Verkaufswährung.Verluste für die Reiseveranstalter in Millionenhöhe sind nicht auszuschließen.Wo aber weniger Erträge winken, sucht sich die Reisebranche Regionen aus, die noch genügend Respekt vor der Potenz der Hauswährung haben.Die Folge wird sein, daß je nach Stärke des Euro die Reiseströme umgelenkt werden. Länder wie die Türkei oder auch Tunesien als euroferne Sonnenstaaten mit einer heute schon breiten Tourismus-Infrastruktur könnten die Nutznießer sein.Auch Fernziele in dollarabhängigen Urlaubsländern haben vor dem Hintergrund einer starken Eurowährung und preiswerter Heimatmärkte gute Aussichten, künftig vermehrt in Anspruch genommen zu werden. Bleibt der Euro aber schwach und halten sich die Währungsvorteile in Grenzen, werden die zusätzlichen Belastungen dazu führen, daß vor allem für kleine und mittlere Unternehmen der Druck weiter zunimmt.Die Konzentrationswelle der letzten Monate, die den Reisemarkt bereits empfindlich nivelliert hat, dürfte dann noch aggressivere Formen annehmen. Ein immer wiederkehrendes Thema innerhalb der Branche sind die Preise.Die Sorge, der Euro könnte den Urlaub zu einem teuren Freizeitvergnügen machen, treibt nicht nur die Verbraucherorganisationen um.Auch die Veranstalter haben die Tragweite des Problems erkannt und bauen vor. Der Präsident des Deutschen Reisebüroverbandes DRV, Gerd Hesselmann, verspricht den Kunden ab Januar 1999 entsprechende Signale der Reiseindustrie, um Preistransparenz und eine korrekte Preisermittlung vor allem in der sensiblen Übergangsphase sicherzustellen.Gearbeitet wird an einer Selbstverpflichtung der Unternehmen, die Maßnahmen zur Aufklärung der Reisekunden beinhalten soll.Damit könnte verhindert werden, daß sich beim möglichen Aufrunden der neuen Eurobeträge stille Preiserhöhungen einschleichen.Echte Preisaufschläge will aber auch Hesselmann nicht ausschließen, wenn die Veranstalter zur doppelten Preisauszeichnung während der Saisonmonate zwischen 2001 und 2002 gezwungen wären.Da für kurze Zeit noch beide Währungen als gesetzliche Zahlungsmittel gelten, müßte die gesamte EDV sowie die millionenschwere Auflage der Kataloge entsprechend umgerüstet werden.Hesselmann schätzt die Kosten auf insgesamt über 500 Mill.DM.Da es sich hierbei lediglich um eine Periode von wenigen Monaten handelt, hält Hesselmann diesen Aufwand für nicht gerechtfertigt.Er plädiert dafür, die Übergangskataloge schon vor der entscheidenden Jahreswende ausschließlich mit Preisen in der neuen Währung zu veröffentlichen. Ausländische Gäste aus Drittländern wie der Schweiz, den Vereinigten Staaten oder Japan werden für derartige Sparvorschläge allerdings wenig Verständnis haben.Ulrich Ramm, Generalbevollmächtigter der Commerzbank, weist mit Recht darauf hin, daß der internationale Reiseverkehr bereits ab 1999 verstärkt im neuen Währungsgefüge stattfinden wird.Der Euro ist dann zwar noch nicht als Papier oder Münze auf dem Markt, als Verrechnungseinheit und Buchgeld aber ist er bereits zu verwenden.Ramm rechnet vor, daß schon heute 40 Prozent der Touristenrechnungen mit "Plastik" beglichen werden.Nicht zuletzt im Hotel- und Gaststättengewerbe haben diejenigen einen Wettbewerbsvorteil, die doppelpreisig arbeiten und Werbung wie Abrechnungswesen früh genug auf zwei Währungen ausrichten.Über eines herrscht in der Branche jedenfalls kein Zweifel: Wer Rücksicht und Toleranz der Reisekundschaft überstrapaziert, könnte zum Schluß der Dumme sein.

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