Wirtschaft : „Ein Trainerwechsel bringt neue Impulse“

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Herr Wübbenhorst, die Händler, Reiseveranstalter und Gaststätten klagen über ausbleibende Kundschaft. Warum sind die Deutschen nicht in Kauflaune?

Das Konsumklima ist schon seit Monaten schlecht. Wir beobachten drei Dinge: Bei der allgemeinen Konjunkturerwartung sind die Deutschen wieder positiver gestimmt, was eine gute Botschaft ist. Auch die Einkommenserwartungen stabilisieren sich nach dem Abschluss der meisten Tarifverhandlungen wieder. Was das Konsumklima aber deutlich nach unten zieht, ist die schwache Anschaffungsneigung. Die ist so niedrig, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe. Es wird sehr wenig Geld ausgegeben, mit Ausnahme für Dinge des täglichen Bedarfs.

Warum verzichten die Menschen auf große Anschaffungen?

Für die Konsumneigung gibt es harte und weiche Faktoren. Ein Faktor ist die sehr hohe Arbeitslosigkeit, die in den vergangenen Monaten weiter gestiegen ist. Wenn vier Millionen Menschen arbeitslos sind, dann haben sie eben weniger Geld zur Verfügung. Das wirkt unmittelbar auf den Konsum. Hinzu kommt, dass die anderen Angst davor haben, selbst bald arbeitslos zu werden. Die schlechte Situation der Firmen und die vielen Berichte über Pleiten, Pech und Pannen verunsichern die Verbraucher. Sie halten sich daher mit Ausgaben zurück und verschieben größere Anschaffungen auf später: zum Beispiel den Kauf der neuen Stereoanlage, des Autos oder der teuren Urlaubsreise.

Die Menschen halten den Euro für einen Teuro. Die Statistik zeigt aber, dass die Preise nicht so stark gestiegen sind. Wie erklären Sie das?

Wir haben eine Inflation, die bei 0,9 Prozent im Monat liegt. Das ist so niedrig wie seit drei Jahren nicht mehr. Eigentlich herrscht in Deutschland Preisstabilität. Es gibt aber das Phänomen der gefühlten Inflation. Wir glauben nicht an stabile Preise, weil wir für das Gemüse zwölf Prozent mehr zahlen, das Bier in der Kneipe teurer geworden ist und der Friseur deutlich mehr verlangt. Das sind Produkte, mit denen wir fast jeden Tag konfrontiert werden. Wir spüren das unmittelbar in unserer Geldbörse. Dabei übersehen die Verbraucher, dass Miete, Strom oder Telekommunikation nicht teurer werden. Diese Ausgaben werden vom Konto abgebucht und daher nicht so stark wahrgenommen. Diese gefühlte Inflation lässt den Euro als Teuro erscheinen. Leider gab es eine ganze Reihe schwarzer Schafe, die bei der Umrechnung von D-Mark in Euro geschummelt haben. Das verstärkt dieses Gefühl noch.

Sehen das die anderen Europäer auch so?

Nein. Das hat auch ein bisschen mit der Psyche der Deutschen zu tun. Wir haben in einer Mehrländerstudie untersucht, welches Bild Italiener, Franzosen oder Engländer von den Deutschen haben. Der Deutsche gilt als strebsam, fleißig und verlässlich. Aber er ist eben nicht der Optimist Europas.

Die Börsen haben zuletzt nicht gerade Anlass zu Optimismus gegeben.

Stimmt. Nach unseren Berechnungen haben die Bürger in den vergangenen zwei Jahren rund 160 Milliarden Euro an Buchverlusten hinnehmen müssen. Die Menschen haben Telekom- oder EM.TV-Aktien gekauft. Zeitweise hatten sie einen schönen Gewinn im Depot, was vor zwei Jahren den Konsum auch angeregt hat. Sie sind am Abend nach Hause gekommen, hatten ein paar hundert Euro mehr und dachten sich, ich kann mir etwas leisten. Jetzt ist genau das Gegenteil der Fall. Man sitzt auf den Aktienpaketen und wartet erst mal ab, bis man wenigstens seinen Einstand wieder hat.

Welche Rolle spielt die Politik in einer solchen Situation?

Die Politik verstärkt die schlechte Stimmung unter den Verbrauchern noch. Wir haben hohe Arbeitlosigkeit, hohe Steuern und Abgaben, Diskussionen über die Rente und das Gesundheitswesen. Reformen in dieser Richtung sind so kurz vor der Wahl aber nicht mehr zu erwarten. Die Parteien beziehen Position und stellen ihre Programme vor, die sie nach der Wahl umsetzen wollen. Es herrscht politischer Stillstand. Es werden zwar viele Konzepte diskutiert, der Verbraucher weiß aber nicht, was davon tatsächlich umgesetzt wird. Das vergrößert die Unsicherheit.

Kommen von den Politikern keine positiven Signale?

Im Gegenteil. Wirtschaftsminister Werner Müller hat in der vergangenen Woche gesagt, dass es mit dem Konsum in den kommenden Jahren nicht bergauf geht. Wir müssten uns auf den Export stützen. Psychologisch oder stimmungsmäßig ist das genau das falsche Signal – auch an ausländische Investoren. Der Wirtschaftsminister ist der oberste Marketingchef Deutschlands. Ich finde es nicht in Ordnung, wenn er den Standort Deutschland mit 82 Millionen Konsumenten ungerechtfertigt schlecht redet.

Ist die Stimmung in der Bevölkerung also schlechter als die Lage?

Es gibt gute Voraussetzungen für eine Konsumbelebung. Wir haben immer noch eine steigende Anzahl von Haushalten, was besonders für die Anbieter langlebiger Konsumgüter gut ist. Die Bevölkerung wird gesünder und älter. Bei den Rentnern ist genügend Geld da. Und es kommt die sehr einkommensstarke Erbengeneration. Es sind derzeit eher Sonderfaktoren wie der Euro und die politische Situation, die die Stimmung nach unten drücken.

Wie wichtig ist die Psychologie für die Wirtschaft?

Die Psychologie ist wichtig. Der Konsum beginnt im Kopf. Wenn ich mich durch bestimmte Ereignisse oder Umstände unwohl fühle, dann konsumiere ich eben nicht, dann bin ich zögerlich und warte lieber ab. Und das ist momentan der entscheidende Faktor.

Wie lässt sich das ändern?

Einstellungen graben sich in die Köpfe der Menschen ein. So einfach ist das nicht, diese wieder zu ändern. Es fehlen einfach die guten Nachrichten.

Der Sommerschlussverkauf steht vor der Tür. Treiben niedrige Preise die Kundschaft wieder in die Geschäfte?

Nicht wirklich. Ich warne vor zu hektischen Preisbewegungen. Wenn die Kaufhäuser bei Rabattaktionen ihre Waren um 20 bis 30 Prozent billiger anbieten, lockt das natürlich einige Kunden in die Läden. Die Käufer wundern sich aber, warum die Geschäfte in der Lage sind, ihre Produkte mit solch hohen Preisnachlässen zu verkaufen. Viele Kunden haben dann das Gefühl, normalerweise zu viel zu bezahlen. Zu große Preisschwankungen machen die Preisgestaltung der Händler unglaubwürdig.

Sind die Einzelhändler selbst schuld an ihrer schlechten Situation?

Die Konsumenten sind in Deutschland eigentlich in einer tollen Lage. Die Preise für Güter des täglichen Bedarfs liegen noch unter dem Niveau von 1995. Für den Handel ist die Wettbewerbssituation aber dramatisch. Markenartikler, die auf Qualität setzen, konnten sich gut behaupten. Auf der anderen Seite gibt es die preiswerten Discounter, die sehr stark gewachsen sind. Die Mitte, die sich weder über den Preis noch die Qualität profilieren kann, geht verloren. Das zeigt sich auch im Kaufverhalten. Die „Smart Shopper" lassen sich die hochwertigen Markenprodukte einiges kosten und kaufen beim Discounter ein, wo ihnen ein ordentliches Preis-Leistungsverhältnis garantiert wird. Die Discounter haben in den ersten fünf Monaten ein Umsatzplus von zwölf Prozent erreicht und damit den Nerv der Kundschaft getroffen. Auch, weil sie klargestellt haben, dass sie eins zu eins umrechnen.

Wenn niedrige Preise die Kauflust nicht anregen. Was kann die düstere Stimmung wieder aufhellen?

Wir hoffen, dass die Feriensaison den Euro stärkt. Wenn die Urlauber in Frankreich oder Österreich merken, welche Vorteile die neue Währung hat und dass es in den anderen europäischen Ländern auch nicht billiger ist als in Deutschland, könnte der Teuro-Ärger etwas nachlassen. Auch positive Ereignisse wie die Fußball-Weltmeisterschaft können dafür sorgen, dass die Stimmung allgemein wieder etwas besser wird. Der WM-Effekt ist allerdings inzwischen wieder verpufft. Das nächste zentrale Ereignis ist die Bundestagswahl. Danach sehen die Menschen, wie es weitergeht.

Kann ein neuer Bundeskanzler den Menschen neuen Mut machen?

Das glaube ich schon. Das ist wie ein Trainerwechsel bei einer Fußballmannschaft. Ein neuer Kopf bringt neue Impulse. Es ist aber weniger wichtig, wer Kanzler ist, sondern dass gehandelt wird. Das zentrale Thema ist die Arbeitslosigkeit. Eine aktuelle Untersuchung der GfK hat ergeben, dass im Mai 74 Prozent der Deutschen die Arbeitslosigkeit als die größte Herausforderung betrachten. Das sind drei von vier Deutschen. Vor einem Jahr waren es nur 59 Prozent. Da muss definitiv etwas getan werden.

Das Gespräch führten Maurice Shahd und Corinna Visser.

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