Wirtschaft : Ein wenig normaler

Die Zahl der Menschen, die in Deutschland in atypischen Jobs arbeiten, sinkt leicht – und bleibt dennoch auf hohem Niveau.

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Berlin - Es ist ein leichter Rückgang nach Jahren des Anstiegs: Die Zahl der Menschen, die in Deutschland in Minijobs, als Leiharbeiter, mit befristeten Verträgen oder weniger als 20 Stunden pro Woche arbeiten, ist im vergangenen Jahr gesunken. Dem Statistischen Bundesamt zufolge lag sie bei 7,89 Millionen – das waren 146 000 weniger als 2011. Der Anteil der atypisch Beschäftigten an allen Erwerbstätigen sank von 22,4 auf 21,8 Prozent. In Berlin lag er sogar mit 18,3 Prozent niedriger als der Bundesschnitt.

Der Blick auf die Zahlenreihe seit der Wiedervereinigung zeigt, dass der Rückgang aber nur gering ist. „Wir sind auf einem hohen Niveau der atypischen Beschäftigung“ sagt Enzo Weber, Experte am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die Arbeitsmarktreformen der Regierung Schröder hätten zu einer „deutlich verstärkten Entwicklung“ dieses Bereichs geführt. Während 2002 noch gut sechs Millionen Menschen als atypisch beschäftigt galten, waren es 2007 schon knapp 7,8 Millionen. Auch beim Anteil erreichte die atypische Beschäftigung 2007 mit 22,6 Prozent ihren bisherigen Rekord.

Arbeitsmarktexperte Weber sieht die Gründe für den leichten Rückgang der atypischen Beschäftigung unter anderem in der deutlich gesunkenen Arbeitslosigkeit und dem hohen Bedarf an Fachkräften etwa in der Pflege oder in technischen Berufen. „Für Unternehmen ist es mittlerweile schwieriger als noch vor zehn Jahren, Personal zu finden“, erklärt Weber. „Damit verbessern sich die Chancen für die Arbeitnehmer auf reguläre statt atypische Jobs.“ So würden befristet Beschäftigte mittlerweile häufiger übernommen. Hinzu käme, dass die Flexibilisierungsmöglichkeiten tendenziell ausgereizt seien. „Die Zeitarbeit ist auf einem Niveau angekommen, wo es nicht mehr viel Spielraum für die Firmen nach oben gibt.“ Ob der gesetzliche Mindestlohn, der für die Zeitarbeit seit 2012 gilt, zum Rückgang beigetragen hat? Weber hält das für „möglich“, nachweisbar sei das aber nicht. Auch die Zunahme der Werkverträge, über die Unternehmen Tätigkeiten an Subunternehmer auslagern – oft zu deutlich geringeren Löhnen – könnte ein Grund sein. „Allerdings weiß man nicht, wie viele Menschen hierzulande über Werkverträge beschäftigt sind“, sagt Weber.

Spürbare Rückgänge bei Minijobs oder Leiharbeit erwartet das IAB in der nächsten Zeit aber nicht. „Für eine Entwarnung ist es noch zu früh“, sagt der Experte. „Die starke Zuwanderung und die höhere Erwerbsbeteiligung sowohl von Frauen wie auch von Älteren sorgen dafür, dass dem Arbeitsmarkt momentan noch jedes Jahr mehr Menschen zur Verfügung stehen.“

Ein Indiz für die besseren Chancen auf reguläre Anstellung ist der Anstieg der „normalen“ Arbeitsverhältnisse in 2012 um 504 000 auf 24,2 Millionen. Davon waren 116 000 Teilzeitjobs mit mehr als 20 Stunden Wochenarbeitszeit und 388 000 Vollzeitjobs. Zu dieser Entwicklung hat nach Ansicht des IAB auch die im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern robuste Konjunktur in Deutschland beigetragen. „Wir haben trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage 2012 wenige Entlassungen gehabt“, sagt Weber. Deutschland leide in erster Linie unter der Krise der anderen Länder Europas. „Weil die Probleme nicht hausgemacht sind, sind viele Firmen optimistisch.“

Das bestätigt auch die Bundesagentur für Arbeit unter Berufung auf ihren Stellenindex. Nach monatelangem Zögern stellten Unternehmen wieder mehr Mitarbeiter ein. Jede dritte freie Stelle im August hätten Zeitarbeitsfirmen gemeldet. Freie Stellen gebe es auch im Handel, in der Gastronomie, im öffentlichen Dienst, bei Gebäudereinigern sowie im Gesundheits- und Sozialwesen. mit rtr

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