Wirtschaft : Eindrücke von Marktwirtschaft aus erster Hand

PETRE BOLM

BERLIN .Der Tag ist für Ekaterina Ignatova vollgestopft mit Terminen.Morgens um acht beginnt das Programm: Besuche bei Debis, Adtranz oder Möbel Hübner, Seminare oder auch schon einmal ein Empfang beim Wirtschaftssenator.Für Freizeit bleibt da wenig Raum.Ganz so stressig hatte sich die russische Jungunternehmerin ihren achtwöchigen Aufenthalt in Berlin nicht vorgestellt.Mit dem Ergebnis aber ist die Chefin einer Moskauer Möbelfirma zufrieden.Marktwirtschaft, Marketing und Management sind für die interessierte Russin trotz des heimischen Strukturwandels noch immer Neuland.Zwar könne sie nicht alle Erfahrungen in ihrem eigenen Unternehmen umsetzen.Aber jedenfalls habe sie eine Menge gelernt.

Ekaterina Ignatova gehört zu einer Gruppe von 40 russischen Managern, die zur Zeit in Berlin und Brandenburg lernen, wie deutsche Unternehmen arbeiten und welche Auswirkungen wirtschaftspolitische Maßnahmen auf die Unternehmen haben.In dem bundesweiten Programm, das vom russischen Präsidenten Boris Jelzin und dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl vereinbart wurde, werden in diesem und im kommenden Jahr rund 1000 russische Manager in Deutschland erwartet.Die Koordination übernahm die Carl-Duisberg-Gesellschaft (CDG), die in 120 Ländern Fitneßkurse für Führungskräfte anbietet.

Die nun in enger Absprache zwischen Politik und Wirtschaft organisierten "Hausbesuche" der Russen in deutschen Unternehmen gehören zu den wenigen Ausnahmen der sonst eher tristen Kooperationslandschaft.Rund 17 Mill.DM stellt der Bund bis 2000 für die Programme zur Verfügung.Die Ziele sind hoch gesteckt.Jelzin selber will seinen Etat trotz chaotischer Haushaltslage mit 100 Mill.Rubel belasten.Damit sollen rund 25 000 russische Manager in den kommenden fünf Jahren die höheren Weihen der Marktwirtschaft in der Bundesrepublik erhalten.

Eile ist geboten.Peter Danylow, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft glaubt, daß bei allen marktwirtschaftlichen Gehversuchen Rußland in vielen ökonomischen Fragen immer noch ein Entwicklungsland ist.Noch immer herrsche die Meinung vor, daß der Kapitalist sein Geld lediglich "abzugeben" habe.Investoren mit eigenen Geschäftsinteressen und Gewinnabsichten seien nicht vorgesehen.Der von Jelzin angekurbelte Managertransfer soll deshalb helfen, diese Defizite in der Wirtschaftskultur abzubauen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar