Wirtschaft : Eine außerordentliche Hauptversammlung berät heute über Rettungsschritte

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Bei der außerordentlichen Hauptversammlung der Philipp Holzmann AG in Frankfurt am heutigen Donnerstag wird eine harte Konfrontation zwischen den Aktionären und dem Aufsichtsrat erwartet. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) fordert den Rücktritt von Aufsichtsrat-Chef Carl von Boehm-Bezing. Die Aktionäre sollen eine Kapitalerhöhung von knapp 1,3 Milliarden Mark beschließen.

Jetzt müssen die Aktionäre - und dies heißt vor allem die Banken - die weiteren Schritte zur Rettung von Holzmann in die Wege leisten: Ein Kapitalschnitt im Verhältnis 26 zu 1 und eine anschließende Kapitalerhöhung sind vorgesehen, damit Holzmann überhaupt weiterarbeiten kann. Denn ohne die daraus fließenden 1,265 Milliarden Mark wäre der Konzern am Ende. Allein die Vertreter der Kleinaktionäre werden dafür sorgen, dass es das turbulenteste Aktionärstreffen in der 150-jährigen Geschichte von Holzmann wird. Die Hauptversammlung wird möglicherweise an Silvester fortgesetzt. Der Vorstand von Holzmann jedenfalls hat den Saal im Congress Center Frankfurter Messe vorsorglich für zwei Tage reservieren lassen.

Kurz vor dem Treffen meldete sich am Mittwoch die DSW zu Wort. Sie wird zwar ihren Unmut lautstark äußern, ihre zwei wichtigsten Anträge kann sie allerdings wegen Fristversäumnissen nicht einreichen: Weder über die Forderung nach Abberufung von Aufsichtsratschef Carl von Boehm-Bezing noch über den Antrag auf Einsetzung eines "besonderen Vertreters" mit weitreichenden Befugnissen zur Einleitung von Schadensersatzklagen gegen frühere Manager kann offiziell abgestimmt werden. Dies soll in einer weiteren außerordentlichen Hauptversammlung im Februar geschehen. Die DSW hofft allerdings, Boehm-Behing werde freiwillig demissionieren.

DSW-Vertreter Klaus Nieding will außerdem ein weiteres Sonderprüfungsgutachten beantragen, mit dem die Geschäftsbeziehungen zwischen der Deutschen Bank und Holzmann untersucht werden sollen. Die DSW hegt den Verdacht, dass die Banker in den vergangenen Jahren zu stark in die Geschäftspolitik des Baukonzerns eingegriffen und "dabei ein bisschen mehr auf ihre eigenen Zahlen geschaut haben als auf das Wohl von Philipp Holzmann". Den eigentlichen Verantwortlichen für die Malaise bei Holzmann sieht Nieding in Aufsichtratschef Boehm-Bezing. Der Rücktritt von Vorstandschef Heinrich Binder Anfang Dezember reiche nicht aus. Der Vertreter der Kleinaktionäre wirft dem Aufsichtratschef vor, mit Binder 1997 den falschen Mann an die Spitze von Holzmann geholt zu haben.

Ein Manager des Baukonzerns Hochtief soll möglicherweise bei Holzmann den Posten des Finanzvorstandes übernehmen. Wie Hochtief mitteilte, wird der bisherige kaufmännische Leiter für die Region Südwest, Jürgen Tressin, den Hochtief-Konzern verlassen. Ein Holzmann-Sprecher bestätigte den Wechsel Tressins, verwies aber auf die Sitzung des Konzern-Aufsichtsrats am heutigen Donnerstag, durch den die Ernennung noch gebilligt werden müsse. Der bisherige Holzmann-Finanzvorstand Rainer Klee war Ende November zurückgetreten.

Sechs Wochen nachdem der damalige Vorstandschef Heinrich Binder den Banken die 2,4 Milliarden Mark schwere Schieflage des einstmals größten deutschen Baukonzerns eröffnet hat, ist immer noch nicht klar, wie es zu dem Desaster kommen konnte. Und ob die Verluste wirklich nur in Projekten aufgetreten sind, die der alte Vorstand Anfang der 90er Jahre auf den Weg brachte - wie etwa die Kölnarena, Europas größte Mehrzweckhalle. Oder ob auch das laufende Geschäft für weitere Ausfälle sorgt. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat sich trotzdem nicht davon abhalten lassen, dem Konzern mit 250 Millionen Mark aus einem Darlehen und einer Bundesbürgschaft die Rettung zu ermöglichen.

Ob das Geld überhaupt eingesetzt werden kann, ist allerdings ebenfalls offen: Die EU hat noch nicht entschieden, ob diese Beihilfe erlaubt ist. Ebenso unklar ist, wie die Holzmann-Arbeitnehmer ihren Sanierungsbeitrag in Höhe von 245 Millionen Mark regeln: Vorstand, Betriebsrat, IG Bau und Bauarbeitgeber suchen immer noch nach einer tarifkonformen Lösung.

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