Wirtschaft : Eine bayerische Verschwörung

Stoiber und von Pierer sind die Vorkämpfer der 40-Stunden-Woche /130 Firmen haben längere Arbeitszeit beantragt

Alfons Frese,Henrik Mortsiefer

In Bayern gehen die Uhren anders. Unter der Anführerschaft des Ministerpräsidenten und des Siemens-Chefs kollaborieren dort massenhaft Unternehmen mit der Politik des Freistaats. Das glaubt jedenfalls die IG Metall. Das Ziel der Bayern-Allianz: Die 40-Stunden-Woche. Edmund Stoiber zieht das für die Beamten und Angestellten des Freistaats durch. Und Heinrich von Pierer will unbedingt einige tausend Siemensianer länger arbeiten lassen. 130 weitere bayerische Firmen wollen das auch und haben entsprechende Anträge bei der IG Metall gestellt. Das ist einzigartig in Deutschland. In allen anderen Regionen halten sich Firmen mit entsprechenden Begehren zurück. Kein Wunder, dass der zweite Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber, ein regionales Komplott gegen die Arbeitnehmer vermutet (siehe Interview).

Georg Feldmeier, Leiter der Tarifabteilung beim bayerischen Arbeitgeberverband, weist den Verdacht natürlich zurück. Die wirtschaftliche Situation – Feldmeier zufolge macht ein Drittel aller Metallfirmen Miese – zwinge die Unternehmen zu Kostenentlastung. Allerdings gilt diese Einschätzung für die Branche im ganzen Bundesgebiet. Bislang, so Feldmeier, habe man sich in Bayern mit der IG Metall bei 18 Unternehmen auf Abweichungen vom Tarif geeinigt. Die Verhandlungen mit der Gewerkschaft seien zwar „zäh“. Bislang habe die IG Metall aber noch immer dem Wunsch nach längerer Arbeit oder weniger Lohn entsprochen.

Warum die Bayern der IG Metall in Sachen längerer Arbeitszeit so zusetzen, kann auch Hans Werner Busch, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, nicht richtig erklären. „Bayern ist in der Darstellung der Möglichkeiten des Tarifvertrages offensiver“, sagt Busch. Das bestätigt Armin Schild, im IG-Metall-Vorstand für Tarifpolitik zuständig. Überall im Lande würde „geräuschlos und sachgerecht“ geprüft, ob auf Grundlage des neuen Tarifvertrags die Arbeitszeit verlängert werden könne. Nur in Bayern nicht. „Das muss einen Grund haben“, orakelt Schild und kommt auf Siemens: „Bayern ist Siemens“.

Siemens hat die Debatte um längere Arbeitszeit, Stellenverlagerung und Kostendämpfung angestoßen. Heinrich von Pierer kündigte vor einigen Wochen an, 5000 der 170000 Stellen in Deutschland müssten abgebaut oder ins Ausland verlagert werden, wenn sich die Belegschaft nicht auf Mehrarbeit und Lohnverzicht einlasse. Der Siemens-Chef begründete dies mit dem veränderten Markt, hohen Arbeitskosten sowie neuen Technologien. Doch langfristig könnten sogar 74000 Siemens-Arbeitsplätze in Deutschland gefährdet sein. Der Grund: Das Strategieprogramm „Siemens Management System“ (SMS) sieht vor, dass weltweit die Beschäftigung an Umsatz und Wertschöpfung in den jeweiligen Märkten angeglichen werden soll. Derzeit erwirtschaftet Siemens rund 20 Prozent des Umsatzes in Deutschland, beschäftigt hierzulande aber rund 40 Prozent der Belegschaft, die also nach SMS annähernd halbiert werden könnte.

„Wir können sicher nicht jeden einzelnen Arbeitsplatz in Deutschland retten“, sagt Konzernbetriebsratschef Georg Nassauer. Der Vorstoß von Pierers sei aber nicht gerechtfertigt. „Siemens ist kein Sanierungsbetrieb.“ Der Konzern habe sich im ersten Halbjahr in einem schwierigen Markt sehr positiv entwickelt. Auch deshalb sei die Bereitschaft zum Verzicht bei den Beschäftigten „nicht gewachsen“. Nassauer setzt bei den Verhandlungen über längere Arbeitszeiten auf die Flexibilität des neuen Tarifvertrags. „Das ist unsere Spielwiese, und viele wissen gar nicht, was alles möglich ist.“ Ergänzungstarifverträge, wie sie in den Handy-Werken Bocholt und Kamp-Lintfort vereinbart worden seien und mit denen der Tarif unterlaufen werde, müssten auf Servicebereiche beschränkt bleiben, sagt Nassauer. Würden sie auch in Teilen der klassischen Fertigung erlaubt, gerate die IG Metall in die Bredouille: „Dann werden auch an allen anderen Standorten Begehrlichkeiten geweckt.“

Einen solchen „Flächenbrand“ wolle auch von Pierer nicht, eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche im gesamten Konzern sei nicht das Ziel. „Das ist schon ein Fortschritt“, sagt der Betriebsrat. Der bayerische Arbeitgeberfunktionär Feldmeier hofft auf eine baldige Lösung: „Denn wegen Siemens ist die IG Metall sehr vorsichtig.“ Die Gewerkschaft fürchtet, wenn man Siemens nachgibt, werden Hunderte von Firmen längere Arbeitszeiten wollen. Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Busch hat Verständnis für die Nöte der IG Metall. „Es ist zäh, aber es läuft“, beschreibt Busch den Alltag mit dem neuen Tarifvertrag.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben