Wirtschaft : "Eine Drei vor dem Komma ist schiere Illusion"

Gesamtmetallpräsident Werner Stumpfe will am 22.Januar ein Angebot vorlegen / Verteilungsspielraum bei vier Prozent / Tariffonds abgelehnt



TAGESSPIEGEL: Herr Stumpfe, der Dortmunder IG Metall-Chef Schartau fordert von Ihnen ein Angebot.Wann kommt das?

STUMPFE: Wir werden am 22.Januar in der dritten Verhandlungsrunde in Nordrhein-Westfalen ein Angebot vorlegen und wollen dann auch einen schnellen Abschluß.

TAGESSPIEGEL: Sie haben den Spielraum für die Tarifrunde mit vier Prozent angegeben.Bleiben Sie dabei?

STUMPFE: Wenn man darunter ein Gesamtvolumen versteht, das nicht nur für die Erhöhung der Einkommen, sondern auch für die Schaffung und Sicherung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen zur Verfügung steht, dann sollte die erwartete Produktivität unserer Branche der Maßstab sein.

TAGESSPIEGEL: Und das sind vier Prozent?

STUMPFE: Wenn es zu einer krassen Abschwächung der Konjunktur kommt, dann ist eine geringere Steigerung zu befürchten.Gegenwärtig sieht es danach aber nicht aus.

TAGESSPIEGEL: 1998 hat es in der Metall- und Elektroindustrie knapp 70 000 neue Arbeitsplätze gegeben.Wieviel werden es in diesem Jahr?

STUMPFE: Selbst wenn wir einen vernünftigen Abschluß machen, erreichen wir bei weitem nicht die 70 000 aus dem letzten Jahr.Wir werden uns ganz große Mühe geben müssen, den Personalstand von Ende 1998 bis Ende diesen Jahres zu halten.

TAGESSPIEGEL: Und dann bieten sie praktisch vier Prozent an und fordern die IG Metall heraus, mehr zu fordern?

STUMPFE: Das Gegenteil ist richtig.Im August hat die IG Metall ihre Forderung diskutiert.Da standen bis zu zehn Prozent zur Debatte.Parallel dazu hat Herr Zwickel die Diskussion mit seinem "Ende der Bescheidenheit" angeheizt.In dieser Situation wollten wir die Entwicklung beeinflussen.Also haben wir eine Ziffer genannt, um die Diskussion in realistischen Bahnen zu halten.Wenn ich gesagt hätte, wir wollen einen Abschluß in der Nähe der Inflationsrate, dann hätte ich die Falken im gegnerischen Lager eher ermutigt.Die Forderung nach 6,5 Prozent ist grundfalsch - aber sie ist immer noch besser als das, was wir bekommen hätten, wenn wir nicht rechtzeitig gegengesteuert hätten.

TAGESSPIEGEL: Und jetzt laufen Sie in dieselbe Falle wie vor vier Jahren: Abkniêkende Konjunktur, Aufwertung der Mark oder des Euro - und dann auch noch eine kräftige Lohnerhöhung?

STUMPFE: Wir sind in einer außerordentlich schwierigen Situation.1998 war ein gutes Jahr.Vor dem Hintergrund verhandeln wir.Wir schließen jedoch für 1999 ab, und da wird die Lage deutlich schwieriger.Bedauerlicherweise hat die IG Metall als einzige deutsche Gewerkschaft das "Ende der Bescheidenheit" ausgerufen; alle anderen Gewerkschaften distanzieren sich davon.Da unsere Betriebe äußerst sensibel auf Arbeitsunterbrechungen reagieren, sind wir gemeinsam mit der IG Metall verpflichtet, einen Arbeitskampf zu vermeiden.

TAGESSPIEGEL: Die Friedenspflicht in der Metallindustrie läuft Ende des Monats aus.Werden Sie denn bis dahin fertig?

STUMPFE: Das streben wir an.

TAGESSPIEGEL: Wollen Sie in Nordrhein-Westfalen abschließen?

STUMPFE: Wann und wo wir abschließen, hängt davon ab, daß sich die IG Metall von der Vorstellung verabschiedet, die Erde sei eine Scheibe.Wir leben in einer globalisierten Wirtschaft und müssen in Deutschland Bedingungen schaffen, damit sich Investitionen lohnen und Arbeitsplätze entstehen.

TAGESSPIEGEL: Je besser Ihr Angebot, desto schneller die Einigung.

STUMPFE: Wir brauchen einen Abschluß, der der hochdifferenzierten Lage unserer Industrie gerecht wird.Deshalb bieten wir erstens eine prozentuale Reallohnerhöhung für alle Arbeitnehmer an.Dazu wollen wir eine tariflich vereinbarte Einmalzahlung, mit der die unterschiedlichen Betriebskonjunkturen berücksichtigt werden können.Betriebe, die Probleme haben, sollen die Chance bekommen, diesen Betrag mit Zustimmung der Betriebsräte zu senken oder gar nicht bezahlen zu müssen.Drittens wollen wir - als Angebot an die Betriebspartner - die starre Höhe des Weihnachtsgeldes an die betriebliche Ertragssituation koppeln.

TAGESSPIEGEL: Die IG Metall will eine Drei vor dem Komma.

STUMPFE: Ich werde keine Zahl nennen.Aber das ist natürlich eine schiere Illusion.

TAGESSPIEGEL: Die IG Metall will keine ertragsabhängigen Komponenten, weil sie die Erpressung der Betriebsräte befürchtet.

STUMPFE: Erpressung ist ein böses Wort, wo es in Wahrheit um Wahlfreiheit geht.Wir wollen denjenigen ein flexibles Instrument an die Hand geben, die sich am besten in den Betrieben auskennen.Und das sind die Geschäftsführer und Betriebsräte und nicht die Tarifvertragsparteien.Es führt kein Weg daran vorbei: In Zukunft werden die Arbeitnehmer stärker auch an den Risiken der Unternehmen beteiligt, für die sie arbeiten.

TAGESSPIEGEL: Und an den Chancen?

STUMPFE: Natürlich auch daran.Wir reden über Regelungen, die es in den Unternehmen bereits hundertfach in Deutschland gibt: Da wurde mit Zustimmung der IG Metall vom Flächentarif abgewichen, um Arbeitsplätze zu sichern.Wir wollen nun mit unseren Vorschlägen solche Regelungen wieder in den Rahmen des Flächentarifs zurückholen.

TAGESSPIEGEL: Ist das ein Angebot für einen Tarifabschluß oder eine Forderung an die IG Metall?

STUMPFE: Wir wollen in Deutschland Arbeitsplätze sichern.Auch in Ostdeutschland, wo wir die Flexibilisierung der Einmalzahlung ganz besonders brauchen.Grundsätzlich wollen wir die Beschäftigten stärker am Erfolg und Mißerfolg der Unternehmen beteiligen und das wollen wir im Tarifvertrag regeln.Das ist kein Angebot und keine Forderung: das ist eine Notwendigkeit, die sich in unserer Branche sonst auch ohne die Tarifpolitik durchsetzen wird.

TAGESSPIEGEL: Der Tarifvertrag regelt Mindestbedingungen - was darüber hinaus gezahlt wird, liegt im Ermessen der Unternehmen.

STUMPFE: Das reicht aber nicht mehr.Wir werden in den nächsten Jahren immer mehr Optionen in die Tarifverträge schreiben, mit deren Hilfe sich die Betriebe entscheiden können, es so oder so zu machen.

TAGESSPIEGEL: Und solche Optionen können Sie mit der IG Metall verabreden?

STUMPFE: Das ist schwierig.Die IG Metall ist die zentralistischste Gewerkschaft in Deutschland.Was in allen anderen Gewerkschaften möglich ist, ist in der IG Metall bisher unmöglich.

TAGESSPIEGEL: Kann die IG Metall im Rahmen des Bündnisses für Arbeit diszipliniert werden?

STUMPFE: Das Bündnis ist jedenfalls der richtige Weg, um aus einer verheerenden Situation - gekennzeichnet durch mehr als vier Millionen Arbeitslose - zu einer Normalsituation zurückzufinden.Aber wir sollten nicht zu ungeduldig sein.

TAGESSPIEGEL: Wieviel Zeit haben Sie denn?

STUMPFE: Lassen Sie uns ein Jahr abwarten.Das erste Gespräch wurde belastet durch die Entscheidung der Bundesregierung, die Reformen der Sozialversicherungen zurückzunehmen.Und natürlich durch die Weigerung der Gewerkschaften, am Bündnistisch über Lohnpolitik zu sprechen.Und dann war es natürlich sehr unglücklich, daß die Regierung auf der einen Seite Sozialabgaben und Steuern für die Arbeitnehmer senkt, und die Gewerkschaften auf der anderen Seite nicht ins Wort nimmt, mit einer angemessenen Tarifpolitik darauf zu reagieren.

TAGESSPIEGEL: Wenn die Tarifpolitik Bündnis-Gegenstand wird, will Klaus Zwiêkel aussteigen.

STUMPFE: Ein erfolgreiches Bündnis ohne die Lohnpolitik ist nicht möglich.Aber das scheint so langsam allgemeines Gedankengut zu werden.Jedenfalls müssen alle Beteiligten über ihre Schatten springen.Und wenn ich das richtig sehe, ziehen sich jetzt so manche ihre Sprungschuhe an.

TAGESSPIEGEL: Über welche Schatten springen Sie denn?

STUMPFE: Die Aufgabenverteilung ist doch klar: Der Gesetzgeber muß durch die Absenkung von Steuern und Sozialabgaben die Unternehmen und die Mitarbeiter entlasten.Die Tarifpartner dürfen diesen Raum nicht wieder auffüllen, sondern müssen ihn als Kostentlastung für die Unternehmen bestehen lassen.Schließlich haben die Arbeitgeber die Aufgabe, durch flexible Formen der Arbeitszeit - zum Beispiel Teilzeit - mehr Arbeitsplätze anzubieten.

TAGESSPIEGEL: Was ist mit den Überstunden?

STUMPFE: Da wollen wir ran.Zum Beispiel durch mehr Arbeitszeitkonten.Und zwar vor allem über Langzeitkonten, auf denen die Mehrarbeit angespart und später in Freizeit abgegolten wird.Daß wir in diesem Jahr wahrscheindlich auch dann nicht entlassen müssen, wenn die Konjunktur eine ernste Delle bekommt, liegt daran, daß die Arbeitnehmer im vergangenen Jahr Konten angespart haben, die wir dann wieder auflösen können.

TAGESSPIEGEL: Was halten Sie vom Tariffonds, mit dem Arbeitsminister Riester künftig Rentenabschläge beim vorgezogenen Ruhestand vermeiden will?

STUMPFE: Das ist Illusion und ein falscher Denkansatz: Wir würden wieder eine Regelung treffen, die die Jungen belastet, damit die Alten früher in Rente gehen können.Wir haben die Jungen aber schon genug belastet.Und wir würden eine weitere Säule der Rentenversicherung aufbauen und dadurch den Reformdruck von der Rentenversicherung wegnehmen.Alles in allem ist der Tariffonds nichts anderes als eine weitere Beitragserhöhung.

TAGESSPIEGEL: Die nächste Bündnisrunde ist am 25.Februar.Was passiert, wenn sich bis dahin die Tarifauseinandersetzung zuspitzt?

STUMPFE: Wenn wir den Abschluß in den Sand setzen, dann ist das Bündnis wahrscheinlich gestorben.

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