Wirtschaft : Eine Frage der Definition

Spekulanten treiben den Ölpreis, heißt es – doch wer macht die Finanzgeschäfte wirklich?

Henrik Mortsiefer

Spekulanten sind unsichtbar. Das macht sie verdächtig und fördert die Mythenbildung. Auf den Ölmärkten wird gerade viel spekuliert, weil es sich dort wegen der starken Preisschwankungen besonders lohnt. Das hat Öl zuletzt noch teurer gemacht. Bundeskanzler Gerhard Schröder glaubt deshalb, dass „ein erheblicher Teil des Ölpreises auf reiner Spekulation beruht“ – und fordert mehr Transparenz. Doch was ist bei gut 65 Dollar pro Ölfass „erheblich“? Und wer verdient daran?

Schätzungen, wie groß der Spekulationsanteil ist, reichen bis zu 20 Dollar, also fast einem Drittel. Das Bundeswirtschaftsministerium rechnete zuletzt 18 Dollar aus. Das Kapitalvolumen, das Öl-Spekulanten insgesamt bewegen, lässt sich ebenfalls nur annähernd bestimmen. Eine Faustformel besagt, dass an den Finanzmärkten etwa das Zehnfache des physischen Ölmarktes umgesetzt wird. Bei 84 Millionen verkauften Ölfässern wären dies fast 55 Milliarden Dollar – pro Tag.

Doch nicht jeder, der Geld bewegt, ist ein Finanzjongleur. Zum Verständnis: Wer auf den Ölpreis spekuliert, tut dies nicht auf dem so genannten Spot-Markt, wo physisches Öl gehandelt wird. Reine Finanzgeschäfte rund um den Rohstoff werden an den Terminbörsen abgewickelt, vor allem in New York, London und Singapur. Dort handeln Firmen, Ölhändler, Banken, Investmentfonds und Privatanleger mit so genannten Derivaten. Diese „abgeleiteten“ Wertpapiere beziehen sich auf die Preisentwicklung am Ölmarkt, haben mit dem eigentlichen Rohstoff aber nichts zu tun. „Auch Hedgefonds entdecken das Spielfeld“, sagt Josef Auer von Deutsche Bank Research. Während sich ölverarbeitende Firmen am Terminmarkt gegen Preisschwankungen absichern, versuchen Spekulanten, möglichst schnell hohe Gewinne aus den Preisbewegungen zu erzielen.

Die Zahl der Spekulanten wächst. Wie viele es schon sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Nimmt man alle Rohstoffe zusammen, so wurden im ersten Halbjahr 2005 weltweit an den Terminmärkten rund 60 Milliarden Dollar in Papiere investiert, die auf die gängigen Rohstoff-Indizes setzen. „Schätzungen gehen davon aus, dass die institutionellen Investoren in Zukunft etwa fünf Prozent ihres Portfolios an den Rohstoffmärkten investieren werden“, sagt Frank Burkhardt, Leiter der Zertifikate-Abteilung bei Société Générale (SG). „Das wären weltweit rund eine Billion Dollar.“ Am Terminmarkt, so Burkhardt, „tummeln sich viele, die mit Öl eigentlich nichts zu tun haben“. Zur Freude derer, die früh dabei sind. Der Markt sei noch recht jung und die Zahl der Spieler überschaubar, sagt der Banker. Bei der Emission von Rohstoff-Zertifikaten, mit denen auch Privatanleger auf den Ölpreis wetten können, seien neben der SG bislang nur die Finanzhäuser ABN Amro, J.P. Morgan und Goldman Sachs richtig aktiv.

Doch vom Interesse der Finanzinvestoren profitieren auch die Ölfirmen und alle Unternehmen, deren Geschäft vom Ölpreis abhängt. Denn das umlaufende Kapital macht den Markt liquide und erleichtert so Absicherungsgeschäfte. „Termingeschäfte geben den Unternehmen Sicherheit“, sagt Josef Auer von der Deutschen Bank. Sie könnten so verlässlicher planen. Doch die Abgrenzung ist schwierig: Was ist noch Absicherung und was schon Spekulation? Ein Beispiel: Verkauft ein Ölhändler Ware im Voraus, riskiert er, dass er – bei steigenden Ölpreisen – später mehr für den Einkauf zahlen muss, als er heute beim Verkauf erlöst. Er würde also ein Minus machen. Dagegen kann er sich absichern: Er kauft am Terminmarkt ein Wertpapier, dessen Wert parallel zum Ölpreis steigt. Beim Verkauf des Papiers fällt ein Gewinn an, der den Verlust des realen Ölgeschäfts ausgleicht. Freilich könnte mit dem Öl-Papier auch nur spekuliert werden – ohne Ölgeschäft.

Schon bei einem Ölpreis von 40 Dollar glaubten viele, es seien vor allem Spekulanten am Werk gewesen. „Vielleicht“, so Josef Auer, „wird man in ein paar Jahren erkennen, dass auch 65 Dollar nur abbilden, was dem realen Angebot und der realer Nachfrage nach Öl entspricht.“

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