Wirtschaft : Eine gegen alle

Die Wiederwahl von Michael Sommer auf dem DGB-Kongress ist sicher – ob Ursula Engelen-Kefer antritt, ist noch immer offen

Alfons Frese

Berlin - Kandidiert sie oder kandidiert sie nicht? Diese Frage kann nur Ursula Engelen-Kefer beantworten. Um nochmals als DGB-Vizechefin gewählt zu werden, muss sie am Dienstag von einem oder einer Delegierten vorgeschlagen werden. Doch in Gewerkschaftskreisen wird bezweifelt, ob jemand den Mut hat, gegen die mächtigen Vorsitzenden aufzustehen, die Engelen-Kefer nicht mehr nominiert haben. „Wer sie vorschlägt, hat hinterher kein leichtes Leben“, sagt eine Gewerkschafterin, die lieber ungenannt bleiben möchte. Von einer „gewissen Säuernis an der Basis“ über den Umgang mit der geschätzten Engelen-Kefer ist die Rede. Schließlich habe die in den vergangenen Jahren eine deutlich bessere Figur gemacht als die übrigen vier Vorstandsmitglieder.

Über Michael Sommers Bilanz der ersten Amtsperiode gibt es verschiedene Ansichten. „Als Erstes fällt mir der Zickzackkurs ein“, sagt der Berliner Gewerkschaftsforscher Hans-Peter Müller. Der DGB-Chef habe im Wesentlichen versucht, im Interesse seiner beiden „Großaktionäre“, der IG Metall und Verdi zu handeln. Das hört man auch hier und da in den Gewerkschaften. „Sommer ist als Großreformer gestartet und als Bettvorleger von Bsirske und Peters gelandet“, sagt ein Metaller. Frank Bsirske und Jürgen Peters führen mit Verdi und der IG Metall die mit Abstand größten deutschen Gewerkschaften. Dabei sei doch der DGB-Vorsitzende in erster Linie für die Kleinen da, die über keine große Bühne verfügten. „Wir haben oft den Eindruck, dass die drei alles Mögliche auskungeln“, heißt es in einer kleinen Gewerkschaft. Sommer versuche, etwas vom Glanz der Macht der Großen abzubekommen. „Der will immer den größten Strahl pinkeln“, sagt ein Gewerkschafter über die Eitelkeit des DGB-Chefs.

Müller bescheinigt Sommer Klugheit im „reservierten Umgang“ mit der neuen Linkspartei. Der DGB müsse nun mal parteipolitisch unabhängig agieren, um als Einheitsgewerkschaft bestehen zu können; die „Gefahr der Richtungsgewerkschaft“ habe Sommer erkannt. Der DGB-Chef selbst ist stolz darauf, den Dachverband von der Fixierung auf die Sozialdemokratie gelöst und auf der anderen Seite die Beziehungen zur Union ausgebaut zu haben.

Die Auseinandersetzung mit der Agenda 2010 und die Abkehr vom traditionellen Bündnispartner SPD war die größte Herausforderung für Sommer. Sie brachte den DGB gehörig ins Wanken. Die Vorsitzenden Jürgen Peters und Hubertus Schmoldt (IG Bergbau, Chemie, Energie) boten der Öffentlichkeit einen kräftigen Schlagabtausch über den richtigen Umgang mit der Regierung. Schröder-Freund Schmoldt riet zur kritischen Solidarität mit Rot-Grün, Peters verdammte die Politik – und DGB-Chef Sommer wusste nicht so recht, wo er hingehörte.

Der DGB-Vorsitzende – eine Frau gab es noch nie an der Spitze – hat einen schwierigen Posten. „Egal was er sagt, er kriegt immer Anrufe“, sagt ein Gewerkschafter. Zum Beispiel von den Kollegen Peters oder Bsirske. Der DGB-Chef hat keine eigenen Truppen, er lebt allein von der persönlichen Autorität. Das vor vier Jahren verkündete Ziel eines „Sozialkontraktes“ hat Sommer ebenso wenig erreicht wie die neue „Finanzarchitektur“ für die sozialen Systeme. Er erreichte dies auch deshalb nicht, weil Peters und Bsirske nicht wollten. Und weil die DGB-Gewerkschaften keine einheitliche Linie verfolgen. Das soll sich nach der Wiederwahl ändern. Bis zum Herbst will Sommer eine abgestimmte Position erarbeiten.

Eine Wende in der Mitgliederentwicklung wird es so schnell nicht geben. Seit Sommers Wahl vor vier Jahren haben die DGB-Gewerkschaften fast eine Million Mitglieder verloren. Im vergangenen Jahr waren es mit 6,8 Millionen zum ersten Mal seit 1972 weniger als sieben Millionen. Mit dem „Projekt Trendwende“ sollen in Sommers nächster Amtszeit wieder sieben Millionen erreicht werden. Dabei stehen ihm nach dem Willen der großen Vorsitzenden folgende Vorstandskollegen zur Seite: Ingrid Sehrbrock als Stellvertreterin sowie Annelie Buntenbach, Dietmar Hexel und Claus Matecki. Buntenbach kommt aus dem grün-alternativen Spektrum und wurde von dem Grünen-Mitglied Bsirske ausgesucht. Hexel und Matecki sind Metaller. Das CDU-Mitglied Sehrbrock ist bereits im Vorstand, steigt jetzt aber auf, was gut in die politische Landschaft passt. Es sei denn, Ursula Engelen-Kefer bringt alles durcheinander. Doch obwohl die Wahl geheim ist, glaubt in den autoritär geführten Gewerkschaften niemand wirklich an so einen Coup.

0 Kommentare

Neuester Kommentar