Wirtschaft : „Eine Hängepartie können wir uns nicht leisten“

Martin Kannegiesser, Chef der Metall-Arbeitgeber, fordert kurz vor den Warnstreiks, längere Arbeitszeiten zu ermöglichen

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Wie feiern Sie in diesem Jahr Ostern?

Hoffentlich mit bunten Eiern. Und hoffentlich entspannt.

Weil der Tarifstreit bis dahin beendet ist?

Ich wünsche mir das.

Dann sollten die Arbeitgeber endlich mal ein Angebot vorlegen.

Tarifverhandlungen sind kompliziert. In diesem Jahr hat die IG Metall drei Themen auf den Tisch gebracht, nämlich Geld, Innovation und Qualifizierung sowie vermögenswirksame Leistungen. Uns geht es darum, Arbeit in Deutschland zu halten, dafür haben wir Angebote für den Bereich industrieller Dienstleistungen sowie tarifpolitische Anreize für den Beschäftigungsaufbau gemacht. Für den gesamten Komplex arbeiten wir an Lösungen und werden diese Arbeit nicht durch eine Kommazahl erschweren. Es gibt aber eine Aussage über die Struktur der Lohnzahl.

Was ist das?

Zwei Dinge. Eine Prozentzahl, die abbildet, was die Mehrzahl der Betriebe verkraften kann; das geht dann in die Lohntabelle ein. Und zum zweiten die Berücksichtigung konjunktureller und betrieblicher Sonderfaktoren, dafür ist eine Einmalzahlung denkbar.

Die IG Metall sagt, Sie spielten „absurdes Theater“, indem sie viele Themen ansprechen, aber zum Geld schweigen.

Es geht uns in erster Linie darum, dass wir Arbeitsplätze halten oder sogar aufbauen können. Das ist kein Theater. Und grundsätzlich haben wir die Aufgabe, als Tarifparteien den Verteilungsprozess zu organisieren. Das geht nicht ohne Gezerre. Wir bezeichnen den Einsatz der Gewerkschaften für den Erhalt der Lebensstandards der Arbeitnehmer auch nicht als Theater.

Also alle Jahre wieder dieselbe Nummer?

Das sieht nur so aus. In Wirklichkeit verändern sich die Verhältnisse dramatisch. So fällt uns zum Beispiel seit ein, zwei Jahren bei den Betrieben auf, dass sie Investitionen anders abwägen. Entscheidungen über Prozesse und Produkte fallen bei der Internationalisierung unserer Industrie heute viel leichter zu Lasten der gewohnten Standorte im Inland. Das müssen sich auch die Tarifparteien vergegenwärtigen.

Löhne runter, und die Arbeit ist sicher?

Nein. So einfach ist das nicht. Wir wollen auch niemandem etwas wegnehmen. Doch wir können nicht die Fakten ignorieren: Trotz des relativen Rückgangs der Lohnstückkosten in den vergangenen Jahren haben wir im internationalen Vergleich immer noch die höchsten Arbeitskosten. Das gleichen wir auch mit der Produktivität nicht aus. Und weil andere stark aufholen oder uns sogar eingeholt haben, wollen wir die Substanz unserer Industrie schützen. Das ist auch für viele Arbeitnehmer wichtiger als ein Punkt bei den Lohnprozenten.

Viele Arbeitnehmer meinen, dass die jahrelange Lohnzurückhaltung nichts gebracht hat. Immer mehr wurden arbeitslos.

In unserer Industrie hat die relative Lohnzurückhaltung eine ganze Menge gebracht. Wir haben in den vergangenen Jahren deutlich weniger Arbeitsplätze verloren, als zuvor von uns und der IG Metall befürchtet worden war.

Die Mitarbeiter wollen mehr Geld, und das Land braucht mehr Binnennachfrage.

Jedes Einkommen hat seine potenzielle Nachfrageseite und seine sichere Kostenseite. Ein Euro Gehaltserhöhung kostet die Betriebe 1,20 Euro. Davon kommen aber wegen Steuern und Sozialabgaben nur 50 Cent beim Arbeitnehmer an. Und von diesen 50 Cent wird wiederum ein Teil gespart oder für das Alter zurückgelegt. Schließlich wird mehr Geld für importierte Waren ausgegeben. Kleidungsstücke oder Unterhaltungselektronik kommen doch fast ausschließlich aus dem Ausland. Kurzum: Von der Gehaltserhöhung bleibt nur ein kleiner Teil für unsere Konsumgüterindustrie.

Also nehmen wir die Schwäche der Binnennachfrage als schicksalhaft hin?

Nein. Wer Kaufkraft schaffen will, der muss vor allem sehen, dass die Schere zwischen Brutto- und Nettoeinkommen kleiner wird. Die Arbeitslosigkeit muss verringert und die Arbeitsplatzsicherheit erhöht werden. Das erreiche ich aber nicht, indem ich den einzigen Bereich, in dem wir weltweit noch Spitze sind, also die Metall- und Elektro-Industrie, mit übermäßigen Kosten belaste.

Sie wollen in der Tarifrunde so genannte Anreize zum Arbeitsplatzaufbau vereinbaren: Ein Betrieb stellt zusätzliches Personal ein, dafür arbeiten dann alle etwas länger. So werden die Stundenlöhne gedrückt.

Es gibt Unternehmen, die ihr Geschäftsvolumen aufbauen. Aber das müssen sie nicht mehr in Deutschland tun, das geht inzwischen fast überall auf der Welt. Wir wollen aber für diese Unternehmen Barrieren in Deutschland abbauen. Und unser Arbeitszeitregime ist eine Barriere. Deshalb sagen wir: Wenn ihr zusätzliche Arbeitsplätze schafft, dann arbeiten wir für eine begrenzte Zeit alle etwas länger.

Die Arbeitszeit kann dann an der IG Metall vorbei erhöht werden?

Ja. Wir denken an eine echte Öffnungsklausel zugunsten der Betriebe. Die Gewerkschaft geht kein Risiko ein, denn dieses Instrument greift nur, wenn zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Also profitieren alle davon, auch die IG Metall.

Bringt das wirklich neue Jobs, wenn die Belegschaft zehn Minuten länger arbeitet?

Probieren wir es aus. Unsere Firmen nennen jedenfalls die Arbeitszeit im Verhältnis zu den Arbeitskosten als eines der größten Hemmnisse. Wir wissen, dass die IG Metall damit an ideologische Grenzen stoßen wird, denn sie hat sich eingemauert in dem Glauben an das Heil der 35-Stunden-Woche und kürzerer Arbeitszeit insgesamt.

Am Mittwoch beginnt die IG Metall ihre Warnstreiks. Wird dann der Druck so groß, dass es vor Ostern ein Ergebnis gibt, oder wird die Auseinandersetzung ähnlich langwierig wie im öffentlichen Dienst?

Eine Hängepartie wie im öffentlichen Dienst kann sich unsere Industrie überhaupt nicht leisten. Wir stehen jeden Tag in aller Welt im Wettbewerb. Und der öffentliche Dienst kann keine Wertschöpfung verlagern, unsere Firmen schon. Solche Entscheidungen sind dann kaum noch rückgängig zu machen. In diesen Jahren werden entscheidende Weichen für die Zukunft Deutschlands gestellt.

Die IG Metall rechnet vor, dass es den Unternehmen besser geht, als Sie behaupten.

Fast jedes Unternehmen ringt um die Kalkulationsbasis seiner in Deutschland hergestellten Produkte. Wir dürfen nicht teurer werden und mühen uns um einen Weg, wie wir den Lebensstandard und die Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter halten können. Dazu haben wir Lösungsmöglichkeiten skizziert und erwarten darauf konstruktive Antworten der IG Metall.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

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