Wirtschaft : Eine heikle Wette

Henrik Mortsiefer

Waffenstillstand im Nahen Osten, sinkender Ölpreis, kräftiges Wachstum in Deutschland und moderate US-Inflation – die Nachrichten, die in dieser Woche die Börse erreichten, ließen Anleger aufatmen. Abzulesen war dies an steigenden Aktienkursen: Der Dax kletterte um 3,5 Prozent auf 5817 Punkte. Selbst der kleine Dämpfer am Freitag trübte die Stimmung nicht. Oberhalb von 5800 Punkten blieben die Investoren entspannt. Ist die gelassene Kauflaune gerechtfertigt?

„Die Kurse werden weiter sehr volatil bleiben“, warnen die Analysten der Commerzbank. Da die Unternehmensberichte zum zweiten Quartal fast alle veröffentlicht worden seien, würden Konjunkturdaten und das geopolitische Geschehen die Lage am Aktienmarkt bestimmen. Mit anderen Worten: Mit Überraschungen – negativen wie positiven – muss in der kommenden Woche gerechnet werden. Da die fundamentalen Daten (konjunkturelles Umfeld, Aktienbewertungen, Zinsniveau) nach wie vor attraktiv seien, erwarten die Experten der Commerzbank den Dax zum Jahresende bei 6300 Punkten; immerhin ein Plus von 8,6 Prozent gemessen am aktuellen Punktestand.

Stabiler Gewinntrend bei den Unternehmen und günstige Aktienbewertungen – das sind auch die Argumente der DZ Bank für steigende Kurse. „Wir bleiben insgesamt positiv für Aktien“, schreiben die Banker. Würden die Gewinnschätzungen für 2006 und 2007 angehoben, werde der Dax noch preiswerter. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13,7 für 2006 und 11,7 für 2007 ist der Dax schon heute günstig bewertet. Das heißt, dass Anleger bei den Dax-Unternehmen im Schnitt 13,7 Euro für einen Euro Gewinn (2006) zahlen. Im langfristigen Durchschnitt waren es bisher 15 Euro, in den 90er Jahren sogar 30 Euro.

Mit Blick auf die US-Wirtschaft stimmt Helaba Trust indes einen vorsichtigen Ton an. Der Optimismus sei nur unter der Voraussetzung gerechtfertigt, dass der amerikanischen Wirtschaft tatsächlich ein „soft landing“ gelinge – also eine moderate Konjunkturberuhigung, die stark genug ist, um die Inflation zu dämpfen, aber weiter steigende Unternehmensgewinne erlaubt. Die Experten sprechen angesichts des Risikos, dass es doch zu einem harten Aufschlag kommt und die Zinsen – anders als jetzt erwartet – weiter steigen, von einer „heiklen Wette“ am Aktienmarkt. Wer jetzt sein Geld an der Börse einsetzt, muss ein guter Zocker sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar