Wirtschaft : Eine hohe Dividenden-Rendite federt Kursstürze ab

HENRIK MORTSIEFER

Wenn im August die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) die Hauptversammlungs-Saison 1999 Revue passieren läßt, wird die Aktionärs-Lobby wieder einen Rekord bilanzieren."Die Gewinnausschüttung der börsennotierten Unternehmen wird die Bestmarke von 1998 voraussichtlich überspringen", prognostiziert Herbert Hansen von der SdK, der die alljährliche Dividenden-Statistik aufstellt.Die Bücher sind zwar noch nicht geschlossen, aber ein erster Trend ist ablesbar: Die Aktionäre können sich insgesamt auf mehr als 29 Mrd.DM freuen.Soviel hatten 646 Gesellschaften des Amtlichen Handels, des Geregelten Marktes und des Freiverkehrs im vergangenen Jahr an ihre Anteilseigner ausgezahlt."Unsere Erfahrung sagt: Es wird weiter aufwärts gehen", sagt Hansen, der 1999 erstmals auch die Dividendenpolitik der am Neuen Markt notierten Firmen unter die Lupe nimmt.

Große Hoffnungen auf üppige Ausschüttungen dürfen sich die am Wachstumsmarkt der Frankfurter Wertpapierbörse engagierten Anleger allerdings nicht machen.Kaum einer der innovativen Youngster zahlt überhaupt eine Dividende.Gewinne - so sie denn anfallen - werden in aller Regel gleich wieder investiert.Die Blütenträume der Anleger richten sich in die Zukunft.Wachstum heißt die Devise.Und: Wer Kursgewinne in zwei- bis dreistelliger Größenordnung mitgenommen hat, schert sich nicht mehr um eine mickrige Ausschüttung.Ist nach dem beispiellosen Run auf den Neuen Markt die Dividende auf dem Rückzug?

"Nein", sagt Bernd Meyer, Aktienstratege der Deutschen Bank, "eine hohe Dividendenrendite bleibt für sicherheitsbewußte Anleger wichtig." Gleichbleibend hohe Ausschüttungen federn Kursstürze nach unten ab.Die wachsende Nervosität der Börsianer in diesen Tagen rückt deshalb ein Schlagwort der Analysten in den Vordergrund, die "Value-Strategie": Statt auf weiter steigende Kurse zu spekulieren, also die "Growth-Strategie" zu wählen, sollten vorsichtige Anleger wieder stärker auf kontinuierlich steigende Gewinnausschüttungen achten."Defensive Werte aus weniger zyklisch reagierenden Branchen" rechnet Bernd Maier dazu.Die Chance, auch bei fallenden Kursen eine vergleichsweise gute Rendite zu erzielen, seien dann nicht schlecht.10 Prozent wie etwa bei der Norddeutschen Affinerie AG blieben freilich die Ausnahme.Und: "Wer sich so nach unten absichert, muß wissen, daß auch das Potential für überdurchschnittliche Kursgewinne entsprechend kleiner ist." Eine Erkenntnis, die erst zwei bis drei Jahre alt ist, wie Analysten einräumen.

Bevor die Kurse an den Weltbörsen explodierten, galt als historisch erwiesen, daß die Aktien mit der höchsten Dividendenrendite zugleich überdurchschnittliche Kurschancen haben.Die Selbstverpflichtung, hohe Dividenden zu zahlen, diszipliniert das Management und zwingt zur Effizienz.Wer sich jedes Jahr die 20 europäischen Aktien mit der höchsten Dividendenrendite ins Depot gelegt hat, hätte in den Jahren 1992 bis 1998 den Dow Jones Euro Stoxx 50 um durchschnittlich 4,14 Prozent pro Jahr geschlagen."Das hat sich ein wenig geändert, seit die Märkte auf dem Wachstumstrip sind und zu viele auf diesen Zug aufgesprungen sind", heißt es beim Bankhaus Schröder Münchmeyer Hengst & Co.(SMH).Langfristig kann sich die Performance dennoch sehen lassen.Für den Ende 1997 aufgelegten SMH-APO-Euro DS (Wertpapierkennnummer 975191) sucht SMH jeweils zu Jahresbeginn die dividendenstärksten deutschen Aktien aus und filtert solche mit dem niedrigsten Kursniveau heraus.Seit Auflegung des Fonds konnte so ein Wertzuwachs von 16,7 Prozent erzielt werden.Der US-Broker Merrill Lynch hat sich das europäische Parkett für eine ähnliche Strategie ausgesucht.Ein im April 1998 aufgelegtes Zertifikat auf den Euro-Select-20-Index (WKN 197780) folgt der Kursentwicklung der dividendenstärksten deutschen und europäischen Werte.Die Bilanz: Bis Ende April 1999 schlug das Papier den FTSE-Eurotop-100 um fünf Prozent.Derzeit führt Merrill Lynch den belgischen Elektrokonzern Electrabel mit einer Dividendenrendite von 3,35 Prozent an der Spitze der europäischen Top-Ten.Auch drei deutsche Aktiengsellschaften haben sich qualifiziert: Bayer (2,76 Prozent), DaimlerChrysler (2,75 Prozent) und Lufthansa (2,64 Prozent).HENRIK MORTSIEFER

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