Wirtschaft : Eine Industrie für sechs Millionen Verbraucher

ALFONS FRESE

BERLIN .Die Ernährungsindustrie ist mit einem Umsatz von 228 Mrd.DM und mehr als einer halben Million Beschäftigten der drittgrößte deutsche Industriezweig.Noch größer ist die Bedeutung der Branche in Berlin-Brandenburg.Gemessen am Umsatz ist das Ernährungsgewerbe in Brandenburg der größte, in Berlin der zweitgrößte Zweig des verarbeitenden Gewerbes.Auf einem Markt mit sechs Millionen Verbrauchern habe Berlin-Brandenburg "gute Chancen, sich als Platz für eine innovative Ernährungswirtschaft zu profilieren", schreiben das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und die Beratungsfirma Regioconsult in einer Studie über "Entwicklungspotentiale des Ernährungsgewerbes in Berlin-Brandenburg".Die Region ist mit 17 Instituten einer der wichtigsten Standorte der Lebensmittel- und Ernährungsforschung.

"Mit mehr als 25 000 Beschäftigten wird die Ernährungsindustrie in der Region auch 1999 einer der großen industriellen Arbeitgeber bleiben", glaubt Christian Amsinck, Geschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung der Ernährungsindustrie in Berlin und Brandenburg.Die rund 310 Unternehmen verteilen sich etwa zu gleichen Teilen auf die beiden Länder.In 157 Berliner Betrieben waren zuletzt 13 275 Personen beschäftigte, in Brandenburg in 154 Unternehmen 12 048 Mitarbeiter.Insgesamt setzt die Branche rund zwölf Mrd.DM um, davon knapp vier Mrd.DM in Brandenburg.Wachstum gab es zuletzt nur in der Fläche: Amsinck zufolge ist in Brandenburg die Beschäftigtenzahl in den vergangenen vier Jahren um rund 2500 gestiegen.Die größten Wirtschaftszweige sind dabei die Backwarenindustrie mit rund 3500 Arbeitnehmern, gefolgt von den Fleischverarbeitern (2400 Arbeitnehmer), Milchbetrieben (1000) und Brauereien (rund 550 Mitarbeiter).

Auch in Berlin liegen die Großbäckereien mit 4300 Beschäftigten an der Spitze.Auf den Plätze folgen die traditionell stark an der Spree vertretene Süßwarenbranche (2600 Mitarbeiter), die Zigarettendreher (knapp 2000) und die Fleischverarbeiter (1200).In den Berliner Brauereien sind Amsinck zufolge noch rund 800 Personen beschäftigt.In der Hauptstadt hat die Branche - wie die Industrie insgesamt - in den vergangenen Jahren massiv an Substanz verloren, rund 3000 Arbeitsplätze gingen seit 1996 verloren.Nicht zuletzt aufgrund des Wegfalls der Berlinförderung kam es zu Betriebsschließungen und Verlagerungen.

Im Dezember letzten Jahres lud das Potsdamer Wirtschaftsministerium zu einer Tagung über "Neue Chancen für Landwirtschaft und Ernährungsgewerbe".Dabei wurde deutlich, daß die Verarbeitungsbetriebe einen großen Teil ihrer Ausgangsprodukte von Lieferanten außerhalb Brandenburgs beziehen.Insbesondere gilt das für Kartoffeln, Gemüse, Braugerste und Buchweizen, aber auch für Fleisch.Verbandsvertreter Amsinck räumt die unbefriedigenden regionalen Lieferbeziehungen ein.Es sei schwierig für Neueinsteiger, traditionelle Zulieferbeziehungen aufzubrechen.Bei Frischfleisch bessere sich die Situation etwas.Aber beispielsweise könnten Kartoffeln aus märkischem Sand nicht mit Erdäpfeln aus der Magdeburger Börde oder Niedersachsen konkurrieren.

Ein besonderes Problem für die Lebensmittelhersteller ist die Aufnahme in die Listen der Handelskette sowie der Konzentrationsprozeß in der Branche.Rund 80 Prozent des Lebensmittelhandels entfallen auf zehn Handelsriesen.Da der Wettbewerb fast ausschließlich über den Preis stattfindet, "sind die Produzenten diejenigen, auf deren Rücken dieser Kampf (Niedrigpreise) ausgetragen wird", schreiben Regioconsult und die HMW Markt & Wirtschaftsforschung in einer Analyse.Insbesondere die mittelständischen brandenburgischen Nahrungsmittelhersteller "müssen offensiver auf dem Markt auftreten" und die "Schwellenangst" vor den Handelskonzernen überwinden.Eine "Schlüsselstellung" komme dabei der Bildung von "Kooperationen zur Entwicklung neuer Produkte zu".Alles in allem gehe es um "die gemeinsame Entwicklung von marktgerechten Produktprogrammen und die Schaffung einer tragfähigen Logistik".

Laut Verbandsgeschäftführer Amsinck stößt die geforderte Kooperation noch immer an "regionale Egoismen".Den Aufbau einer "moderierenden Institution", wie sie das DIW fordert, um Produzenten, Konsumenten und Forschungsangebote zusammenzuführen und damit eine "Innovationsoffensive" in der Ernährungsindustrie zu initiieren, steht Amsinck etwas skeptisch gegenüber.Ein Impuls oder Anstoß dazu müßte von Berlin und Brandenburg ausgehen, wäre "im besten Sinne eine Gemeinschaftsaufgabe".

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