Wirtschaft : Eine juristische Abteilung mit angeschlossener Brauerei

Wernesgrüner Pils gehört zu den erfolgreichsten Produkten der neuen Länder / Die Eigentumsfrage ist "klar aber ungeklärt" WERNESGRÜN (rah).Es ist, als hätten die Vogtländer die Wernesgrüner Brauerei AG ganz bewußt hinter Bergen verstecken wollen, um das Geheimnis guten Bieres zu bewahren.Vielleicht entspringt den Bergen aber nur ein besonderes Wasser, daß für den "spritzig-frischen" Geschmack des Wernesgrüner Premium-Pilses sorgt.Die Brüder Caspar und Christoff Schorer waren es, die 1436 in Wernesgrün als erste die Geschäftsidee mit dem Bier hatten.Das ist keine Legende, das ist Geschichte.Die "Wernesgrüner Pils Legende" haben sich über 500 Jahre später Marktstrategen erdacht und das ist noch gar nicht so lange her.Zu einer geradezu unendlichen Geschichte wächst sich hingegen die Privatisierung der Wernesgrüner Brauerei nach 1990 aus.Im Unterschied zu anderen Ostfirmen konnte die Wernesgrüner Brauerei auch nach dem Ende der DDR nicht über Absatzschwierigkeiten klagen.Der Vogtlanddollar, wie das Bier wegen seines grünen Etiketts und seines Tauschwertes zu DDR-Zeiten genannt wurde, rollte.Da gab es keine Einbußen sondern zusätzlichen Absatz und Ertrag.Die Erbengemeinschaft der Alteigentümer bekamen rund 51 Prozent des Betriebes schon 1989 rückübertragen.Das war der Teil, der aus der 1972 verstaatlichten Wernesgrüner Brauerei KG herrührte.Die restlichen 49 Prozent wurden der 1945 enteigneten Grenzquell Brauerei zugeordnet.Beide Brauereien waren 1974 zur VEB Wernesgrüner Exportbierbrauerei fusioniert worden.Die Treuhandanstalt wollte die disponiblen 49 Prozent eigentlich an die Dortmunder Brau und Brunnen AG veräußern, um Wernesgrüner damit an eine kapitalkräftige West-Mutter zu binden, stieß damit aber bei den Alteigentümern auf wenig Gegenliebe.Die fürchteten einen übermächtigen Konzern als Partner und klagten ihr Zuerwerbsrecht ein.Mit Erfolg, denn 1994 verzichtete Brau und Brunnen, sehr zur Freude der sächsischen Staatsregierung, die sich in Gestalt von Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU) für eine "sächsische Lösung" stark gemacht hatte.Als Partner wurde eine Beteiligungsgesellschaft der Bayerischen Landesbank ins Boot geholt.Dann aber war den Alteigentümern bares Geld offenbar doch lieber als der "Vogtland-Dollar".In einer Nacht-und-Nebel-Aktion verkauften sie ihre Anteile im September 1997 an den Erfurter Brauereiverbund Riebeck GmbH & Co.KG.Von den Verhandlungen mit dem Koblenzer Riebeck-Besitzer Roland Müller wußten noch nicht einmal Vorstand und Aufsichtsrat.Seither wird vor Gericht gestritten.Von Seiten der Kapitalbeteiligungsgesellschaft wird die Gültigkeit des Kaufvertrages angezweifelt und ein Vorkaufsrecht geltend gemacht.Das Ende ist offen.Der Fall ist ein Leckerbissen für Juristen.Wernesgrüner sei eine juristische Abteilung mit einer angefügten Brauerei, wird bisweilen gespöttelt.Die Eigentumsverhältnisse seien zwar klar, aber eben nicht ganz geklärt.Übereinstimmung scheint es nur insofern zu geben, als die Wernesgrüner Brauerei AG als konzernunabhängiges mittelständisches Unternehmen weitergeführt werden soll.Vorstand Volker Henne sieht in der Geschäftsführung den eigentlich konstanten Faktor des Unternehmens.Seit 1990 wurden rund 140 Mill.DM in die Brauerei investiert, die Belegschaft schrumpfte von über 530 Mitarbeiter 1989 auf jetzt 270 Mitarbeiter.Neue Gärtanks wurden angeschafft, die Produktion weitgehend automatisiert.Doch die Produktionserweiterung wird auch weiterhin Geld kosten.Immer mehr durstige Kehlen scheinen auf den Geschmack von Wernesgrüner zu kommen.Auf einem insgesamt schrumpfenden Biermarkt steigert sich das Unternehmen von Jahr zu Jahr, zum Teil mit zweistelligen Wachstumsraten.Mit einem Ausstoß von 827 446 Hektolitern 1997 konnte der Bierabsatz im Vergleich zum Vorjahr um 7,6 Prozent gesteigert werden.Das ist Betriebsrekord.Der Absatz an Wernesgrüner Pils ging in den letzten vier Jahren insgesamt um 71 Prozent nach oben.Etwa zur Jahrtausendwende sollen jährlich eine Million Hektoliter aus den Gärtanks strömen.Neue Investitionen müssen erwirtschaftet werden, denn eine Kreditaufnahme ist nicht vorgesehen.Allein die Aufstockung von Gärung und Reifung auf 1,3 Mill.Hektoliter kostete 1997 rund 14 Mill DM.Bis Ende 1999 sollen weiter 35 Mill.DM in die Flaschenabfüllung gesteckt werden.Mit rund zwei Drittel fließt der Hauptteil der Produktion in Mehrwegflaschen, auf Faßbier entfällt rund ein Achtel des Ausstoßes.Auf dem ostdeutschen Biermarkt ist Wernesgrüner nach Hasseröder und Radeberger derzeit die Nummer drei.Erklärtes Ziel ist es, Wernesgrüner als "nationale Marke" zu etablieren.Soll das gelingen, muß der Westmarkt aufgemischt werden.Es wird auf erste Erfolge in Niedersachsen und Hessen verwiesen.Dort biete bereits jeder zweite bis dritte Getränke- und Lebensmittelmarkt die sächsische Bierlegende an, heißt es.Der Erfolg wird nicht im Billigbereich gesucht, denn billig war Wernesgrüner nie.Der Westen soll, Henne zufolge, mit Qualität umworben werden."Wir wollen der Geheimtip im oberen Preissegment werden."Zu den gern erzählten Legenden im Hause Wernesgrün gehört, daß selbst die Mächtigen der DDR den Gerstensaft aus dem Vogtland so sehr schätzten, daß sie ihn bei Staatsempfängen kredenzten.Von anderen Geschichtslegenden wurde vor einiger Zeit eine weiter Aufwertung der "Pils-Legende" erhofft.Der Fußballer Horst Eckelt oder Marylin Monroe waren da gemeinsam mit dem neugestylte gold-grünen Etikett auf Plakaten zu sehen.Doch inzwischen mußte Marylin wieder von der Flasche lassen."Wernesgrüner allein ist Legende genug", heißt es nun selbstbewußt.Dabei soll es bleiben.

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