Wirtschaft : Eine kleine Cebit

Positive Stimmung beim ersten Informationstechnik-Gipfel in Potsdam / Regierung plant zentrale Rufnummer 115 für Behörden

Corinna Visser

Potsdam - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rückt die Informationstechnik stärker in den Fokus ihrer Wirtschaftspolitik. „Ohne die IT-Branche werden die klassischen Stärken der deutschen Industrie keine Stärken bleiben, sondern zurückfallen“, sagte Merkel auf dem ersten deutschen IT-Gipfel am Montag in Potsdam. Auf der kommenden Computermesse Cebit im März 2007 will sie weitere Ergebnisse sehen. „Dieser Gipfel ist nicht folgenlos“, sagte Merkel. „Er versieht uns mit einer Vielzahl von Arbeitsaufträgen.“ Sie wolle sich im neuen Jahr noch einmal mit den Teilnehmern treffen, um den Erfolg der Arbeit zu überprüfen. Auch wolle die Bundesregierung die EU-Ratspräsidentschaft nutzen, um das Thema voranzubringen.

Auf dem Gipfel im Hasso-Plattner-Institut verabschiedeten die mehr als 220 geladenen Teilnehmer aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft eine „Potsdamer Initiative für den IKT-Standort Deutschland“. IKT steht für Informations- und Kommunikationstechnologie. Ziel sei es, den IKT-Standort Deutschland an die Weltspitze zu bringen. Um dieses Ziel zu erreichen, haben die Teilnehmer, darunter rund 120 Vorstandschefs deutscher Unternehmen, in acht Arbeitsgruppen ein Zwölf- Punkte- Programm erarbeitet.

Dazu gehört, dass die Bundesregierung im Rahmen ihrer Hightech-Strategie der Branche in den nächsten drei Jahren 1,2 Milliarden Euro für Technologie- und Forschungsförderung zur Verfügung stellt. Bis zur Computermesse Cebit im März 2007 sollen konkrete Vorschläge erarbeitet werden. Von den 1,2 Milliarden Euro gibt die Bundesregierung 280 Millionen Euro für die Unterstützung von drei sogenannten Leuchtturmprojekten (siehe Kasten) aus – deren Erfolg soll positiv auf andere Bereiche ausstrahlen.

Doch auf dem Gipfel ging es nicht nur um Hightech. Zum Zwölf-Punkte-Programm gehört auch die Einrichtung einer „einheitlichen Telefonservicenummer zur leichteren und schnellen Nutzung von Dienstleistungen der öffentlichen Hand“. Hinter der sperrigen Formulierung steckt eine ganz einfache Idee: Bei vielen Problemen weiß der Bürger nicht einmal, an wen er sich wenden soll, wer im Behördendschungel überhaupt zuständig ist. „Eine bundesweit einheitliche Behördenrufnummer - beispielsweise die 115 - wäre ein einfacher und doch revolutionärer Schritt, die öffentliche Verwaltung bürgernäher und transparenter zu gestalten“, schlug Carsten Kreklau, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) in einer Arbeitsgruppe vor. Wer reinigt das Denkmal vor der Haustür von Graffiti? Was muss ich zum Standesamt mitbringen? Über die neue Nummer soll der Bürger direkt an die zuständige Stelle vermittelt werden. In New York gibt es so etwas bereits: Wer dort unter der 311 anruft, so ist es versprochen, dem soll nach längstens 30 Sekunden geholfen sein. In Hessen wird gerade ein Institut für interdisziplinäre Studien Isprat gegründet, das sich mit dem Projekt beschäftigt. Unter anderem muss geklärt werden, welche Mitarbeiter in den Call-Centern sitzen werden, um den Bürgern weiterzuhelfen, welche Technik zum Einsatz kommen soll und welche Anwendungen dahinter stehen. „Es hat in New York etwas mehr als ein Jahr von der Idee bis zur Einführung gedauert“, sagte Carsten Rolle, beim BDI zuständig für Neue Medien. „In Deutschland wird es sicher etwas länger dauern.“ Das fängt schon bei der Nummer an: Mehrere Jahre habe es gedauert, bis die Nummer 116 116 bundesweit einheitlich für die Sperre von EC-Karten arbeitsbereit war. „Wir hoffen, dass es mit der neuen Nummer schneller geht“, sagte Rolle. Er erwartet, dass im Rhein-Main-Gebiet schon bald ein erstes Pilotprojekt angestoßen wird. Möglich sei auch, dass die schlaue Nummer am Ende nicht die 115 sein wird. „Ich gehe davon aus, dass die Bürgerauskunft eher mit 116 beginnen wird“, sagte Rolle. „Entscheidend ist, dass es eine einheitliche Nummer wird, die man sich leicht merken kann.“


Drei Leuchttürme

Der Bund stellt 280 Millionen Euro für drei neue Projekte zur Verfügung. Ziel ist es, innovative Anwendungen besonders zu fördern.

INTERNET DER DIENSTE

Ziel des Projektes „Theseus“ ist die Entwicklung und Erprobung neuer Suchtechnologien für das Internet der nächsten Generation. Theseus ist der deutsche Teil des Projektes Quaero, das gemeinsam mit den Franzosen entwickelt werden sollte. Mit Theseus soll der Nutzer nicht nur nach Begriffen, sondern nach Bedeutungen suchen und Zusammenhänge finden können – in Texten, aber auch etwa in Videos. In dem Projekt sollen innovative Technologien in Branchen wie Software, Medien und Maschinenbau zu international wettbewerbsfähigen Lösungen entwickelt werden. Projektstart: Anfang 2007 .

INTERNET DER DINGE

Die Regierung sieht Deutschland in der Entwicklung der Funkerkennungstechnologie RFID vorn. (Beispiele für den Einsatz der Funkchips : Auf Produkten sollen sie die Warenverfolgung erleichtern, in Ausweisen die Sicherheit erhöhen.) Die Technik soll helfen, Bereiche der Wirtschaft und des öffentlichen Sektors zu modernisieren. Um den Vorsprung Deutschlands zu erhalten, etabliert der Bund eine RFID-Dialogplattform, die Förderung und Forschung koordiniert. Sie richtet zudem im Rahmen der EU-Präsidentschaft eine europäische RFID-Expertenkonferenz aus. Termin: Juni 2007 .

ENERGIE FÜRS INTERNET

Der Technologiewettbewerb „E-Energy“ soll die effizientere Erzeugung, Verteilung und Nutzung von Elektrizität durch innovative Lösungen der Informations- und Kommunikationstechnologie unterstützen. Dabei soll die Branche in mehreren Verbundprojekten mit der Energiewirtschaft zusammenarbeiten. Projektstart: Anfang 2007 .vis

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