Wirtschaft : Eine Milliarde Dollar für einen Notizblock

Im Prozess um die Chrysler-Fusion gerät Daimler-Chef Schrempp in Bedrängnis – und Kläger Kerkorian hofft auf Schadenersatz

Peter De Thier

Wilmington. Im Prozess des Finanziers Kirk Kerkorian gegen die Daimler-Chrysler AG könnte sich eine Wende abzeichnen. In Wilmington im US-Bundesstaat Delaware wurde am Montag (Ortszeit) Konzernchef Jürgen Schrempp zum zweiten Mal in den Zeugenstand gerufen. Dabei bestritt er erneut, dass es sich bei der Megafusion der beiden Autohersteller 1998 um eine Übernahme gehandelt habe – doch die Gegenseite glaubt, nun anhand neuer Dokumente beweisen zu können, dass Daimler-Benz niemals eine „Fusion unter Gleichen“ angestrebt hat.

Kerkorian, der über seine Investmentgesellschaft Tracinda 13,75 Prozent der Chrysler Aktien besaß, klagt auf eine Milliarde Dollar Schadenersatz. Als Folge der Fusion, die den Aktionären und der Öffentlichkeit seinerzeit als „merger of equals“ verkauft wurde, hatte sein Anteil mehr als achtzig Prozent an Wert verloren. Daraufhin hatte er gegen den Autobauer geklagt. Neue Hoffnung hatte er Anfang Dezember geschöpft, als bekannt wurde, dass Daimler-Chrysler es versäumt hatte, den Klägeranwälten 61 Seiten handschriftlicher Notizen des früheren Finanzvorstands Gary Valade zur Verfügung zu stellen. Das Verfahren war daraufhin unterbrochen worden. Gleichwohl beharrte Tracinda auf einer zweiten Vernehmung Schrempps.

Bei den Aufzeichnungen handelt es sich um Mitschriften Valades, der interne Sitzungen sowie mehrere Begegnungen zwischen Schrempp, dem früheren ChryslerChef Robert Eaton und Vorstandsmitgliedern beider Unternehmen protokolliert hatte. Systematisch versuchte Klägeranwalt Terry Christensen, die Glaubwürdigkeit des aus Stuttgart angereisten Kronzeugen Schrempp zu erschüttern. Sowohl was den Unternehmenssitz als auch die Rechtspersönlichkeit sowie die Besetzung des Vorstands und Aufsichtsrats angeht, habe Daimler nicht mit offenen Karten gespielt.

Während Schrempp immer wieder betonte, er sei offen gewesen für die Gründung einer deutschen Aktiengesellschaft oder einer amerikanischen Corporation, zeigen die Aufzeichnungen, dass lange vorher die Entscheidung zugunsten einer deutschen AG gefallen war. Schrempp rechtfertigte sich, es sei „eine Entscheidung der Experten“ gewesen, „die darin steuerliche Vorteile sahen“.

Zudem gehe aus den Protokollen hervor, dass die Daimler-Manager wegen des zu erwartenden Widerstands der deutschen Gewerkschaften der Ansicht waren, dass die Verlegung des Unternehmenssitzes in die Vereinigten Staaten „politisch schwer verkäuflich und durchsetzbar wäre“. Eine Verlegung nach Detroit oder die Gründung einer Corporation, wie er dies Eaton in Aussicht gestellt hatte, stand daher nach Ansicht der Kläger in Wirklichkeit nie zur Debatte.

Ferner hatte der Daimler-Chef seinem amerikanischen Kollegen versprochen, dass in dem neuen Unternehmen die Besetzung der Aufsichtsrats-Spitze „offen bleiben würde“. Aus den Mitschriften sowie früheren Aussagen ging aber hervor, dass diese Position fest Daimler-Aufseher Hilmar Kopper zugedacht war, der bereits vor der Fusion das Gremium leitete. Besonders belastend könnte eine Notiz Valades gewesen sein, wonach eines der Daimler-Vorstandsmitglieder gesagt haben soll, dass es sich „strukturell fast um eine Übernahme handelt“. Während Daimlers Sprecher Han Tjan befand, die Befragung Schrempps habe nichts Neues gebracht, sprach Kerkorian-Anwalt Christensen von einem „sehr guten Tag“ für die Kläger.

Amerikanische Rechtsexperten sind der Ansicht, der Prozessausgang stehe nun auf der Kippe. So weist der Unternehmensrechtler Sidney Rosenblum darauf hin, dass „die Beweislast deutlich niedriger ist als bei einem Strafverfahren“. Zudem habe Richter Joe Farnan in seinen Stellungnahmen und mit der Ablehnung des Daimler-Antrags, Schrempp via Videoleitung vernehmen zu lassen, deutliche Sympathien für die Klägerseite gezeigt.

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