Wirtschaft : Eine neue Internet-Blase

Der Medienunternehmer Barry Diller warnt vor Zugangsbeschränkungen für das Worldwide Web

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Berlin - Ein bisschen erinnert alles an das Jahr 1999. Kluge Menschen kündigen gut bezahlte Jobs, um in Unternehmen anzuheuern, die merkwürdige Namen tragen und noch eigenartigere Dinge tun. Social-networking organisieren zum Beispiel. Oder eine community bilden. Sie gehen zu Firmen, die behaupten, dass sich mit solchen Vorhaben bald viel Geld verdienen lasse. Und die – tatsächlich – auch wieder an die Börse gehen.

Web 2.0 heißt der Sammelbegriff für diese Unternehmen. Das Geschäftsmodell: Wenn schon so viele Nutzer im Internet unterwegs sind, die ihre Meinungen zu allem Möglichen loswerden wollen, dann kann man damit auch Geld verdienen. Ein frühes und das größte Beispiel dafür ist Google. Je öfter eine Seite im Netz benutzt wird und je mehr Querverweise sie hat, desto höher steigt sie in der Trefferliste der Suchmaschine – die Benutzer übernehmen die Einordnung. Google ist inzwischen an der Börse knapp 100 Milliarden Euro wert. Youtube, eine Website, auf der Videoclips geladen und bewertet werden können, soll angeblich für 1,6 Milliarden Dollar zum Verkauf stehen – auch Google soll interessiert sein. Die Anlaufkosten für das Portal seit November 2005 lagen bei nicht einmal 20 Millionen Dollar.

Eine neue Internetblase? „Ja klar“, sagt Barry Diller. Es gebe keinen Zweifel, dass viele dieser neuen Unternehmen zu teuer gekauft würden, und er zweifle auch kein bisschen daran, dass das nicht sehr lange gut gehen werde. Diller muss es wissen: Er ist einer der einflussreichsten Medienmanager der Welt. Er ist Präsident des Internet-Reisebüros Expedia und der Online-Firma IAC/Interactive Corp, zu der unter anderem der Shopping-Kanal QVC zählt.

Im Gegensatz zur Jahrtausendwende, als der Crash des neuen Marktes viele Unternehmen wegfegte, sei ein totaler Zusammenbruch diesmal nicht zu befürchten. „Diesmal wird es eine Korrektur geben, aber viele der Unternehmen werden nach annähernd betriebswirtschaftlichen Kriterien geführt“, sagte Diller bei einer Diskussion in der American Academy in Berlin. Das heißt, es gibt in der Regel ein Produkt, es gibt so etwas wie eine interne Kostenrechnung und strenge Regeln, wie das Geld von externen Kapitalgebern eingesetzt werden darf.

Die größte Gefahr für das neue Internet-Zeitalter lauere deshalb auch nicht in den Geschäftsmodellen, meint Diller. Er sieht sie dort, wo der gleiche und faire Zugang zum Netz behindert werde. Wenn etwa wie in den USA und Europa neuerdings Telekommunikationsfirmen den schnellen und unkomplizierten Internetzugang einer besser bezahlenden Klientel reservieren wollten, sei diese Gleichheit bedroht. Oder wenn nicht mehr jeder die Chance habe, überall im Netz um seine Nutzer zu werben. Dann sei das Web 2.0 in seiner Existenz bedroht – und in all den wirtschaftlichen Chancen, die es seinen Firmen, deren Kapitalgebern und den Nutzern biete. uwe

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