Wirtschaft : Eine neue Welt

Wer sich in der Hochschule zurechtfinden will, braucht nicht nur starke Nerven, er muss auch gut organisiert sein. Experten erklären, wie man sich selbst managt Studenten sind in ihrem Lernbüro Azubi und Chef zugleich Wer in festen Zeiträumen paukt, kann danach leichter abschalten

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Aller Anfang ist schwer. Erstsemester fühlen sich von den Anforderungen oft überfordert. Foto: TU/Ulrich Dahl
Aller Anfang ist schwer. Erstsemester fühlen sich von den Anforderungen oft überfordert. Foto: TU/Ulrich DahlFoto: Technische Universitaet Berlin/U

Maria Kerner eilt durch die Gänge der Silberlaube in Dahlem. Raum JK 29/124, wo soll das bitte sein? Wer hat sich dieses System ausgedacht, Räume nach Zahlen und Buchstaben zu benennen? Die Suche nach dem Basisseminar zur Textanalyse in Neuerer Deutscher Literatur treibt der Germanistik-Studentin im ersten Semester den Schweiß auf die Stirn, noch bevor das Studium richtig begonnen hat. Als sie den Seminarraum endlich gefunden hat, geht der Stress weiter: Eine Literaturliste mit locker 25 Titeln gibt der Dozent aus, dazu einen Kanon mit Buch-Klassikern, die man im Studium mal gelesen haben sollte. „Wie soll ich dieses Pensum bitte bewältigen?“, fragt die 19-Jährige.

Für viele Studenten beginnt das Studium mit Gefühlen der Ohnmacht und Überforderung. „Für viele Erstsemester beginnt ein ganz neuer Lebensabschnitt. Viele sind zum ersten Mal von Zuhause fort, müssen in einer neuen Stadt zurechtkommen und sich dazu noch in den Unibetrieb einfinden“, sagt die Psychologin und Psychotherapeutin Edith Püschel von der „Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung“ der Freien Universität (FU).

Im Gegensatz zur Schule gäbe es an der Uni keine festen Verbände und Klassenstrukturen mehr. „Die fürsorgliche Kontrolle durch Lehrer und Eltern fällt weg. Der Lernstoff wird nicht mehr strukturiert geboten, und oft wird auch nicht konkret besprochen, was später abverlangt wird“, sagt sie. Typische Probleme, mit denen die Studenten bei ihr Rat suchen, sind Orientierungslosigkeit, Motivations- und Entscheidungsschwierigkeiten, Lern- und Leistungsstörungen sowie Versagensängste – und in der Folge, Verstimmungen, die bis zu Depressionen führen können.

Um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, sei ein gutes Zeitmanagement wichtig, rät Püschel. „Leute, die von Anfang an im Kopf haben, worum sie sich im Laufe des Semesters kümmern müssen, sind besser dran“, sagt die Expertin. Schon zu Beginn des Semesters kann man die anfallenden Aufgaben einteilen: Bis wann sollten die grundlegenden Texte für die Vorbereitung des Referats gelesen sein? Wann muss ich mich mit der Arbeitsgruppe treffen? Wann sollte ich die Sprechstunde des Dozenten aufsuchen? „Wer zu spät mit der Vorbereitung beginnt, kommt in Stress, wird leicht unsicher und fühlt sich eher überfordert“, sagt die Psychologin.

Etwa drei Wochen nach Beginn des Semesters, wenn feststeht, welche Seminare man besuchen möchte und man die Räume und Dozenten kennt, sollte man sich überlegen, was am Ende des Semesters in Klausuren verlangt wird. „Der Uni-Betrieb gibt mit den Vorlesungszeiten und Prüfungsterminen ein enges Zeitkorsett vor“, sagt Püschel. Am besten schreibt man sich diese Fristen frühzeitig in den Kalender. Wer einen Auslandsaufenthalt plant, sollte zwei Semester zuvor mit den Vorbereitungen beginnen.

Zu einem guten Zeitmanagement gehört, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und die Dringlichkeit von Aufgaben einschätzen zu können, sagt der Berliner Coach Christoph Uhl. Auch im Berufsleben werde diese Fähigkeit immer wichtiger. „Generell gilt, je höher in einer Tätigkeit der Grad an Eigenverantwortung, Entscheidungsumfang, Gestaltungsspielraum und Autonomie ist, umso wichtiger wird es, sich gut organisieren zu können“, so Uhl. Die Uni sei ein guter Ort, um dies zu üben.

Studenten aller Berliner Hochschulen, die mit ihrer Arbeitsorganisation nicht zufrieden sind, können in Arbeitsgruppen des Studentenwerks Berlin Selbstorganisation lernen. In den Kursen rät die Psychologin Renate Wandt den Teilnehmern, eine Arbeitshaltung wie ein Unternehmer zu entwickeln. „Studenten sind Inhaber ihres eigenen Organisations- und Lernbüros und dort Lehrling und Chef in einem“, erklärt sie.

Viele Studenten müssen neben der Uni jobben oder haben familiäre Verpflichtungen. „All das muss unter einen Hut gebracht werden“, sagt Wandt. Ganz wichtig ist dabei die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung. „Wer sich, seine Kompetenzen, Neigungen und Grenzen gut kennt, hat es leichter mit der Entscheidung, auf welche Aufgaben und Tätigkeiten er sich konzentriert“, sagt der Coach Uhl.

Um überhaupt zu verstehen, wie das eigene Lernverhalten funktioniert und zu welchen Zeiten man sich gut konzentrieren kann, schlägt Studienberaterin Püschel vor, ein Lerntagebuch zu führen. Über zwei bis drei Wochen kann man dabei beobachten, wie man arbeitet, was man in der angesetzten Zeit wirklich schafft und womit man Zeit vergeudet. „Das hilft, realistische Ziele zu setzen und Frust zu vermeiden“, sagt sie. Die Aufgabenstellung sollte dabei möglichst konkret sein und man sich etwa vornehmen, einen Text durchzuarbeiten mit dem Ziel, die Position des Autors in fünf Sätzen zusammenzufassen.

„Viele Studenten vergessen, dass geistiges Arbeiten Zeit braucht“, weiß auch Psychologin Wandt. „Um einen Text inhaltlich zu begreifen, bedarf es eines mehrstufigen Lesens“, sagt sie. Um Texte schneller zu erfassen und Übung im „Querlesen“ zu bekommen, bieten viele Unis spezielle Seminare an. Wandt empfiehlt, Zeiträume von 30 bis 60 Minuten zu bestimmen, in denen man konzentriert lernt – mit einem klar definierten Anfang und Ende. Sonst bestehe die Gefahr, sich zu verzetteln. Ablenkungen gelte es zu vermeiden, SMS, E-Mails und Facebook auszuschalten. Auch Leerlaufphasen an der Uni sollte man nutzen und statt ziellos durch die Gänge zu wandern, in der Bibliothek lernen.

Zum kompletten sozialen Rückzug muss das konzentrierte Lernen aber nicht führen. Im Gegenteil: Gemeinsames Lernen und eine gegenseitige Kontrolle können helfen, sich kontinuierlicher und zuverlässiger vorzubereiten und so in Prüfungen besser abzuschneiden. „Es rückt auch die eigenen Ansprüche zurecht, wenn man mitbekommt, was man selbst und was die anderen können“, sagt Püschel. Kommilitonen können außerdem Rückmeldungen über die eigene Leistung geben, die man in Seminaren häufig nicht bekommt.

Trotz allem Ehrgeiz: Wenn das Arbeitspensum vollbracht ist, sollte man sich etwas gönnen, Freunde treffen, ins Kino oder Theater zu gehen. Der Coach Uhl empfiehlt, nur 60 Prozent der verfügbaren Zeit zu verplanen, damit Reserven für Unerwartetes frei bleiben.

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