Wirtschaft : Eine Region auf der Intensivstation

JAKARTA/SINGAPUR (egl/HB/dpa).Zaghaft regt sich etwas in Jakarta: Nach zehn Tagen Stillstand fängt das ökonomische Herz der Zehn-Millionen-Stadt wieder an zu schlagen.Vor den Geschäften werden die Rollgitter hochgezogen, Banken tauschen wieder Geld, Restaurants offerieren die ersten Menüs - wenn auch manchmal noch im Schatten von Straßensperren und Panzern."Es sieht so aus, als ob alles vorüber ist", sagt der Zigarettenverkäufer Solichin an der Ecke des Merdeka-Platzes."Wir haben wieder Frieden miteinander.Hoffentlich."

Die großen internationalen Konzerne und die Kreditgeber sind jedoch weniger optimistisch."Niemand würde derzeit etwas auf Indonesien wetten", sagt ein japanischer Geschäftsmann in Singapur.In den Hotels des Stadtstaates warten hunderte Manager aus aller Welt auf den Tag, an dem sie nach Indonesien zurückkehren können.Aber die Furcht vor neuen Unruhen ist noch nicht vorbei: "Präsident Habibie muß echte Reformen anbieten, sonst gibt es wieder Krach."

In den Konzernzentralen der großen Gläubiger des Tigerlandes werden derweil die Aufräumarbeiten fortgesetzt: Es sei nicht absehbar, "ob die Vorsorgevorkehrungen der Deutschen Bank AG für dieses Land ausreichen werden", warnt etwa Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Rolf-E.Breuer.Zumal längst nicht sicher ist, daß die Krise diesmal auf Indonesien begrenzt bleibt.Auch die meisten anderen deutschen Banken dürften angesichts der sich abzeichnenden "zweiten Welle" der Asien-Krise wie der Branchenführer zur Aufstockung ihrer Wertberichtigungen auf die notleidenden fernöstlichen Kreditengagements gezwungen sein.

Westliche Banker sagen eine "Periode großer Ungewißheit und Turbulenzen" in Indonesien voraus."Wir haben nach den Plünderungen und Bränden Gott sei Dank alle unsere Leute rechtzeitig außer Landes gebracht", so der Regionalchef einer deutschen Großbank."Die helfen nun mit, unsere Filiale in Singapur sieben Tage die Woche rund um die Uhr als Intensivstation für unsere Kunden in Indonesien und der gesamten Krisenregion offen zu halten." Deutsche Banker in Singapur halten mit ihrer Sorge über die "zweite Krisenwelle" in der Region nicht hinterm Berg."Es brennt nicht nur in Indonesien, es schmort auch in Malaysia, weil dort der Regierung Mahatir die aus den Pensionsfonds entnommenen Mittel ausgehen", warnt der Regionalchef einer deutschen Bank."Wenn man bedenkt, daß von 400 thailändischen Unternehmen nur noch drei Dutzend intakt geblieben sind, muß man die Hinweise des IWF auf die Fortschritte bei der Stabilisierung Thailands stark relativieren."

Kein Wunder, daß die mit Indonesien über die Konsolidierung der Auslandsschulden verhandelnde Bankengruppe ihre diese Woche in Frankfurt angesetzte Runde auf die "erste Juni-Hälfte" verschieben mußte.Die in der Region exponierten Banken haben gelernt, so der Asien-Experte der Dresdner Bank, Rainer Schäfer, "die Länder heute differenzierter zu betrachten, als dies beim Ausbruch der Krise im letzten Jahr der Fall war".So hätten Thailand und Südkorea Vertrauen auf den Märkten zurückgewonnen, weil sie mit dem IWF eng zusammenarbeiteten.In Malaysia sei jedoch die Devisenliquidität noch deutlich besser als in Thailand oder Südkorea.

Doch zeigen die Experten der DB-Research in ihrer neuen Analyse in beänstigendem Maße auf, wie sich die wirtschaftliche und politische Destabilisierung der früheren Wachstumsregion in den asiatischen Tigerstaaten fortsetzt.

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank und die US-Regierung bewegen sich auf dieser Linie.IWF-Vize Stanley Fischer sagt für Indonesien: "Wir werden uns nicht bewegen, solange sich die politische Lage nicht klärt." Über die Vereinbarungen des IWF mit Indonesien über ein Kreditpaket von 43 Mrd.Dollar müsse ohnehin neu verhandelt werden - zum vierten Mal seit der Unterschrift im Herbst 1997.Am Mittwoch, keine 24 Stunden vor dem Rücktritt Präsident Suhartos, hatte der IWF die Auszahlung einer Rate von einer Mrd.Dollar gestoppt.

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