Wirtschaft : Eine Rüstungs-Fusion, die gegen die Franzosen zielt

DÜSSELDORF (jod/kol/tor/wis/HB).Wie alle spielen auch die Briten im europäischen Rüstungspoker mit verdeckten Karten.Zwar reagierte British Aerospace (BAe) auf die neuen Gerüchte über eine geplante Fusion mit Daimler-Benz Aerospace (Dasa) wie gewohnt mit den Worten: "Wir sprechen mit vielen, nichts ist entschieden." Hinter den Kulissen setzen die Briten jedoch alles daran, ihre Stellung in Europa in dem von allen Regierungen gewünschten europäischen Luftfahrt- und Rüstungskonzern (EADC) zu verankern.

Auf den ersten Blick haben sie dafür gute Karten: BAe ist mit einem Umsatz von zuletzt gut 7,3 Mrd.Pfund (rund 20,5 Mrd.DM), einem Auftragsbestand von gut 22 Mrd.Pfund und einem Gewinn vor Steuern von 230 Mill.Pfund das größte und das profitabelste Rüstungsunternehmen in Europa.Das, so glauben die Briten, werde ihnen den Rang eines Oberbefehlshabers im europäischen Gemeinschaftsunternehmen sichern.

Angesichts dieser Zahlen steht außer Frage, daß die Briten nach einer möglichen Fusion mit Dasa die Mehrheit und damit das Ruder übernehmen würden.Die Ertragskraft ist für British Aerospace der Lohn für die harten Einschnitte in den vergangenen Jahren.Obwohl sie es nicht laut sagen, sehen sich die Manager von British Aerospace auch in den Bereichen Kosten, Effizienz und Globalisierung vorn.Daß BAe nahezu 90 Prozent seines Umsatzes im Ausland erzielt, ist ein Beleg für die Wettbewerbsstärke.

Auch aus deutscher Sicht könnte eine Fusion von Dasa und BAe betriebswirtschaftlich sinnvoll sein.Doch ein Zusammenschluß wäre alles andere als ein Selbstläufer: Es stellt sich die Frage von Dominanz und Macht.

Im Rüstungsbereich etwa können die Briten ihre Stärken voll ausspielen.Sie sind zusammen mit der Dasa nicht nur der größte Partner beim Bau des Eurofighters.Das Joint Venture Matra BAe Dynamics gilt als der führende Anbieter von Lenkwaffen in Europa und hat seine Position durch die Übernahme von 30 Prozent der Dasa-Tochter LFK noch ausgebaut.In Deutschland sind die Briten zudem an STN Atlas beteiligt und besitzen alle Anteile von Heckler & Koch.

Im Kampfflugzeugbau arbeiten Dasa und BAe zwar eigentlich gleichberechtigt am Eurofighter.Allerdings haben beide eine Endmontagelinie, die von der jeweiligen Regierung bestellt worden sind.Und da dominiert BAe, denn die britische Regierung will fast die doppelte Anzahl von Flugzeugen kaufen.

Beim Thema Hubschrauber sind die Verhältnisse klar - die Dasa-Aktivitäten sind hier in die deutsch-französische Eurocopter eingebracht worden.Die zivilen Flugzeugbau-Aktivitäten sind bei der Dasa komplett in der Airbus-Struktur, bei BAe ist es nur ein Teil.

Die Folgen einer solchen Luftfahrt-Fusion wären nicht nur in Deutschland spürbar."Die größten Anpassungen wird es wahrscheinlich in Frankreich geben müssen", sagt Nick Cunningham, Rüstungsexperte bei der Investmentbank Salomon Smith Barney, voraus.Er bezweifelt, daß sich die französischen Unternehmen innerhalb kurzer Zeit vom staatlichen Einfluß befreien können und hält deshalb einen Alleingang von BAe und Dasa im Rüstungsbereich für möglich."British Aerospace hat zehn Jahre gebraucht, um zu einem privatwirtschaftlichen Unternehmen zu werden", umreißt er den Zeithorizont.

Bei soviel Spekulation hielten sich die Franzosen mit Stellungnahmen zurück.Doch aus den Reaktionen auf vorherige Fusionsgerüchte weiß man, daß die französischen Luftfahrtmanager und die Pariser Regierung nichts mehr fürchten.Für die französische Luftfahrt- und Rüstungspolitik wäre die Fusion der größte anzunehmende Unfall.Denn die Umstrukturierung in dem Industriezweig in den letzten Jahren hatte vor allem ein Ziel: Auf nationaler Ebene ausreichend Gewicht zu gewinnen, um im europäischen Konzert entscheidend mitspielen zu können.Zu diesem Zweck wurden die industriellen Kerne gebildet, die im ersten Schritt französisch waren, im zweiten aber europäisch werden sollten.

Im Zuge der Restrukturierung übernahmen Alcatel, Dassault und Aerospatiale Anteile an Thomson-CSF, dem größten europäischen Anbieter von Rüstungselektronik.Bei einer Fusion von BAe und Dasa stünden die Franzosen plötzlich im Abseits - eine Situation, die sich auch bei Aufnahme französischer Unternehmen kaum ändern würde.

Frankreich verfügt jedoch über das Machtmittel, das die Fusion von Dasa und BAe so unwahrscheinlich macht: das Veto-Recht der Airbus-Partner.

Vor diesem Hintergrund hatte bereits Jean-Yves Helmer, der Präsident der staatlichen Rüstungsagentur DGA noch letzte Woche gewarnt, daß ein Zusammenschluß von Dasa und BAe das Klima in den Airbus-Verhandlungen belasten würde."Frankreich muß seine Stärke bei Airbus dazu einsetzen, um in anderen Bereichen Garantien für seine Positionen zu erhalten."

Sollte es über die Fusion zum Streit mit den Franzosen kommen, würde das einen erheblichen Dämpfer für die Zukunft von Airbus bedeuten.Denn die Verschmelzung der zivilen Luftfahrtaktivitäten zu einem schlagkräftigen Unternehmen wäre für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt.

So erfolgreich Airbus mit seiner bisherigen Struktur war - langfristig kann es Boeing nur als private Aktiengesellschaft Paroli bieten.Denn damit würde es nicht nur frei vom Staatseinfluß.Es könnte auch wesentlich einfacher Kapital aufnehmen.Und das ist Voraussetzung für Zukunftsprojekte, wie etwa den geplanten 550-sitzigen Großraumjet, den A3XX.

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