Wirtschaft : Eine Schlamperei zu Lasten der Bluter

Vanessa Fuhrmans

Im vergangenen Monat trafen sich in Nashville, Tennessee, die US-amerikanischen Bluterkranken zu ihrer jährlichen Konferenz. Nirgendwo sonst kann sich die Pharmaindustrie bei diesem wichtigen Kundensegment so gut in Szene setzen und Werbung machen. Doch Bayer, einer der größten Hersteller von Blutgerinnungs-Präparaten, saß diesmal eher auf der Anklagebank. Das Unternehmen durfte weder als Sponsor auftreten noch einen Stand aufstellen. Stattdessen musste es Rechenschaft darüber ablegen, wie es zu den Problemen bei der Produktion von Kogenate gekommen war, einem gentechnisch hergestellten Gerinnungsfaktor. Der Grund: Schlamperei in einem Bayer-Werk hatte zu einem der schlimmsten Engpässe bei Bluter-Medikamenten seit zehn Jahren beigetragen.

Der Patientenverband war vor allem über die Kommunikationspolitik des Unternehmens aus Leverkusen verärgert. Es hatte nicht rechtzeitig mitgeteilt, wann die Mängel in den Herstellungsanlagen beseitigt sein würden und wie viel Kogenate es in den darauf folgenden Monaten liefern könne. Damit lief Bayer schon zum zweiten Mal in kurzer Zeit mit seinem PR-Verhalten auf Eis.

Bei Ciprobay, einem Antibiotikum, das gegen Milzbrand wirkt, hatte man zunächst nicht deutlich genug kommuniziert, dass man den Bedarf decken könne und dies auch gern tun werde. In diesem Fall wollte das Unternehmen nicht als Nutznießer der Terror-Stimmung in den USA erscheinen. Als Konsequenz hätte der Pharmakonzern beinahe das Patent für das Antibiotikum entzogen bekommen.

Doch auch was den Vertrieb der Bluter-Medikamente angeht, hatte Bayer kein geschicktes Händchen. Das Unternehmen richtete im Internet die Webseite "Bayer Direct" ein und die Kunden sollten in Zukunft ihren Bedarf ausschließlich über diesen Weg beziehen. Bislang hatten sie die Medikamente beispielsweise in speziellen Behandlungszentren für Hämophile bekommen. Das Unternehmen begründete den Schritt damit, dass man die andauernde Versorgungsknappheit beheben wollte und dass so die Preise für jeden Patienten gleich hoch wären. "Geldgier" - kritisierten Patienten und Ärzte. Das Unternehmen wolle nur den Zwischenhandel ausschalten und so mehr Profit machen. Am Ende musste Bayer die Beschränkung auf den einen Vertriebskanal aufgeben und die Hämophilie-Produkte wieder an den gewohnten Stellen zugänglich machen.

Hämophile sind unter anderem deswegen auf Kogenate erpicht, weil es derzeit das fortschrittlichste Medikament auf dem Markt ist. Der Blutgerinnungsfaktor VIII, der in dem Medikament enthalten ist, wird gentechnisch hergestellt. Auf diese Weise besteht - anders als bei aus menschlichem Serum gewonnenen Präparaten - nicht das Risiko, sich mit Krankheitserregern des Spenders anzustecken.

Bei der Konferenz von Nashville trat Terry Tenbrunsel, ein Bayer-Marketing-Manager, erstmals mit einer neuen Strategie vor das Publikum: mit zerknirschter Offenheit. "Wir haben es verpatzt", sagte er über die Markteinführung von Kogenate. Er erklärte, dass die Patienten in der nächsten Zukunft nicht auf Bayer als Hauptlieferanten zählen könnten. Aber er erläuterte auch, welche Maßnahmen das Unternehmen derzeit ergreift, um den Ausstoß des Medikaments wieder anzukurbeln: Neuorganisation des Produktionsprozesses und Einstellung von Mitarbeitern für die Qualitätssicherung. Fürs erste hatte Bayer mit der kleinen Portion PR-Glasnost bei seinen Kunden Erfolg. "Sie waren sehr ehrlich und haben sich entschuldigt", lobte Glenn Pierce, der designierte Präsident der Blutervereinigung. Am letzten Tag der Hämophilie-Jahreskonferenz wurde das Werbeverbot für das Unternehmen schließlich aufgehoben.

Begonnen hatte die Misere mit einem Routine-Bericht über eine kleinere technische Panne, den das Werk im kalifornischen Berkeley bei der FDA (Food and Drug Administration, US-Aufsichtsbehörde für die Pharmaindustrie) eingereicht hatte. Daraufhin hatten Beamte der FDA die Produktionsstätte besucht - und ernste Qualitätsmängel in der Produktion aufgedeckt. Die Inspektoren fanden nicht nur Kleinigkeiten, sondern Mängel im System: Angestellte seien unzureichend ausgebildet, es werde nicht intensiv genug auf bakterielle Verunreinigungen getestet und die Dokumentation der Produktionsprozesse lasse zu Wünschen übrig. Was die bakteriologischen Kontrollen angeht, konnte sich das Unternehmen noch einigermaßen entschuldigen - man habe später einen Sterilisationsschritt zwischengeschaltet, sozusagen als Sicherheitsnetz. An der Dokumentation und der Ausbildung der Mitarbeiter arbeitet man aber immer noch. 30 Millionen Dollar soll alles am Ende kosten und die Produktion bekommt 150 neue Mitarbeiter, die sich um Qualitätskontrolle kümmern. Derweil bleibt die Versorgung der Patienten kritisch.

Selbst wenn die vier wichtigsten Hersteller von Gerinnungs-Medikamenten - Baxter, Bayer, Aventis-Behring und American Home Products - auf vollen Touren produzieren, können sie die Nachfrage kaum decken. Das liegt daran, dass die Patienten immer mehr Faktor VIII verwenden - nicht nur, um die Blutung von Wunden zu stoppen, sondern auch prophylaktisch. Ärzte gehen dazu über, Kindern das Präparat routinemäßig zu verschreiben. Auf diese Weise wollen sie jene chronischen Gelenkkrankheiten vermeiden helfen, von denen erwachsene Bluter geplagt werden. Die Kinder sind mit dem Medikament auch weniger durch ihre Krankheit eingeschränkt und können zum Beispiel Sport treiben.

Woran liegt er, dass Bayer Fehler auf Fehler begeht? Zum einen ist das Unternehmen gefangen zwischen den immer höheren Sicherheitsauflagen und dem unaufhörlich steigenden Bedarf für Medikamente wie Kogenate. Zum anderen klappt die Kommunikation mit der mittleren Führungsebene in den USA offensichtlich nicht. "Das Management dort hat die Lage nicht so gehandhabt, wie wir uns das gewünscht hätten", sagte Bayer-Vorstandschef Manfred Schneider. Er wisse nicht warum, aber man habe sich vor Ort viel zu viel um die technischen Fragen gekümmert.

Derweil üben sich die Patienten in Geduld. Einige erwachsene Bluter sind auf ältere Versionen von Faktor VIII umgestiegen, die aus menschlichem Plasma gewonnen werden. Was die Kinder betrifft, mussten viele Eltern die prophylaktische Medikation reduzieren. "Wir haben gerade genug Medikament, um über die Runden zu kommen", sagt Patricia DeRatto aus Chesterfield in Virginia. Ihr 10-jähriger Sohn David bekommt dieses Jahr nur noch die Hälfte der regulären Dosis. Er darf daher nicht mehr bei Freunden übernachten, weil ein Unfall dort zu riskant wäre, und zum Baseball-Training begleitet Frau DeRatto Daniel mit Eispacks.

Die Kogenate-Geschichte

September 2000: Bayer bringt Kogenate auf den Markt und startet mit dem Bayer Direct-Programm.

November: Bayer hebt die Vermarktungsbeschränkung auf Bayer Direct wieder auf.

Dezember: Die FDA schließt die Inspektion des Kogenate-Werks ab und legt einen Bericht über Produktionsprobleme vor.

Januar 2001: Bayer kündigt den ersten zeitweiligen Verkaufsstopp von Kogenate an.

März: Bayer meldet Spuren von bakteriellen Verunreinigungen in den ersten Produktionsschritten von Kogenate; der Leiter des Werks muss gehen.

Juni: Bayer lädt zu einem internationalen Treffen, um zu erklären, wie es zu den Problemen gekommen ist.

November: Bayer erklärt die Probleme beim Jahrestreffen der Hämophilen in den USA. Das Unternehmen stellt die Weichen, Kogenate durch andere Vertriebskanäle und ein Not-System zu liefern. Die Vereinigung der Hämophilen hebt den Marketing-Boykott gegen Bayer auf.

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