Wirtschaft : Eine Show für die Wissenschaft

Immer mehr Volkswirte nutzen Spiele- und Quizsendungen im Fernsehen

Christoph Giesen (HB)
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Deal or No Deal: Das Spiel mit den Geldkoffern (im Bild ein Prominentenspecial) verrät viel über das menschliche Wesen, meinen...DAVIDS/Siewert

London - Studiert hat John de Mol nie, und ein besonderes Interesse für Volkswirtschaftslehre wird dem niederländischen Fernsehproduzenten auch nicht nachgesagt. Und doch ist sein Einfluss auf die Disziplin vielleicht größer als der vieler Doktoranden. Alles begann im Jahr 2000, als das niederländische Fernsehen die erste Staffel der Gameshow „Deal or No Deal“ ausstrahlte – ein Spiel, bei dem ein Kandidat bis zu 250 000 Euro gewinnen kann. Ökonomen interessieren sich brennend für die Sendung. Für Forscher, die das menschliche Handeln, unsere Risikoneigung und unsere Rationalität verstehen wollen, ist die Show Pflichtprogramm – ebenso wie „Wer wird Millionär?“, „Jeopardy!“ und „Friend or Foe?“.

Ökonomen haben fast alle populären Rateshows untersucht. Anhand der englischen Version von „Wer wird Millionär?“ analysierten Wissenschaftler der University of East Anglia das Risikoverhalten von Männern und Frauen in Großbritannien. Der Grazer Wissenschaftler Fedor Daghofer verglich die Risikoaffinität deutscher, österreichischer und slowenischer Kandidaten. Und der französische Volkswirt Lionel Page knöpfte sich die beliebten Casting-Shows vor. Er analysierte das telefonische Abstimmverhalten beim englischen Pendant von „Deutschland sucht den Superstar“ und konnte Reiheneffekte nachweisen. Je später ein Künstler an der Reihe war, umso höher waren seine Chancen, die nächste Runde zu erreichen.

„Sendungen wie ,Deal or No Deal‘ sind so konzipiert, dass man fast denken könnte, es würde sich um ein volkswirtschaftliches Experiment handeln“, sagt Thierry Post, Professor für Volkswirtschaft in Rotterdam. Bei „Deal or No Deal“ ist der Hauptgewinn von 250 000 Euro in einem von 26 Koffern versteckt, die anderen enthalten geringere Beträge mit oft nur wenigen Cent. Zu Beginn der Sendung sucht sich der Kandidat einen Koffer aus, die anderen werden nach und nach geöffnet. Zwischendurch wird dem Kandidaten immer wieder ein Geldbetrag angeboten, für den er seinen Koffer verkaufen könnte.

Für eine Studie hat Post mehr als 150 Folgen der Show analysiert. Er beobachtete, dass Spieler besonders dann ein ungezügeltes Risiko an den Tag legen, wenn sich die hohen Beträge in den geöffneten Koffern verbargen. Bei Kandidaten, die nicht so stark vom Pech verfolgt waren, war die Risikobereitschaft geringer ausgeprägt. Außerdem konnte Post den sogenannten „House-Money-Effekt“ nachweisen: eine zunehmende Bereitschaft zum Risiko, wenn die Kandidaten glauben, sie spielten mit fremdem Geld.

Nur so ist das Verhalten der Kandidatin Koshka Blagburn zu erklären, die in der US-Ausgabe von „Deal or No Deal“ zwischen einem Koffer mit 5000 Dollar und einem mit einer Million Dollar zu wählen hatte. Der Moderator machte der Musicaldarstellerin das Angebot, für 530 000 Dollar auszusteigen. Blagburn ging volles Risiko, verschmähte die Offerte – und bekam 5000 Dollar.

Besonders angetan sind Verhaltensökonomen von der US-Quizshow „Friend or Foe“. Darin stehen die Kandidaten vor einer Situation, die dem „Gefangenendilemma“ entspricht: Zwei Personen werden beschuldigt, gemeinsam ein Verbrechen begangen zu haben, und werden getrennt verhört. Wenn beide die Tat leugnen, kommen sie mit einer kurzen Strafe davon. Wenn einer gesteht, kommt er als Kronzeuge straffrei davon, sein Komplize wird verurteilt. Wenn beide gestehen, werden beide verurteilt.

Bei „Friend or Foe“ müssen zwei Kandidaten gemeinsam Fragen beantworten. Für jede richtige Lösung gibt es 500 Dollar. Nach der Fragerunde müssen sich beide Kandidaten gleichzeitig entscheiden, ob sie ihren Mitspieler zum Partner oder Gegner erklären – sie haben keine Möglichkeit, sich abzusprechen. Haben sich beide Kandidaten auf eine Kooperation geeinigt, teilen sie sich das Geld. Haben beide auf Konfrontation geschaltet, gehen sie leer aus. Wer seinen Mitspieler zum Feind erklärt, von diesem aber als Freund gesehen wird, bekommt den gesamten Gewinn.

Der US-Ökonom John List hat 39 Folgen der Sendung ausgewertet: Ziemlich genau die Hälfte der Kandidaten entschied sich für die Kooperation. Bei „Friend or Foe“ erwiesen sich Männer als egoistischer und risikobereiter, Frauen tendieren eher dazu, das erspielte Geld mit dem Quizpartner zu teilen. Männer nahmen daher im Schnitt 70 Prozent mehr Geld mit nach Hause. Christoph Giesen (HB)

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