Wirtschaft : Eine Stadt hinkt hinterher

Carsten Brönstrup

Schlimm, schlimmer, Berlin. Während die Unternehmen im Rest der Republik allmählich wieder Mut fassen und Aufschwunghoffnungen hegen, herrscht in der Hauptstadt das gewohnte Bild: Von einer baldigen Besserung der Wirtschaftslage ist nichts zu spüren, nur jeder fünfte Firmeninhaber erwartet für das laufende Jahr bessere Geschäfte als 2001, ergab eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer. Folge: Vier von zehn Unternehmen müssen weiter entlassen. Nachhaltiges Wachstum, das die Stadt so dringend braucht, ist auch dieses Jahr nicht zu erwarten. Das hat Tradition: In guten Zeiten hinkt die Berliner Wirtschaft anderen Regionen hinterher, in schlechten Zeiten stürzt sie noch tiefer ab.

Die Gründe für die Dauer-Misere der Stadt und die schlechte Stimmung sind bekannt: Die Industriebasis ist zu schwach, die Infrastruktur schlecht, die Fachkräfte fehlen, die Stadtkasse ist leer, die Schulden türmen sich. Die wirtschaftspolitischen Pläne des rot-roten Senats haben bisher nicht zu einem Stimmungswandel beigetragen, und mit jeder Meldung über ein neues Finanzloch steigt die Angst vor Steuererhöhungen.

Dabei hat Berlin kein klassisches Verlierer-Image. Gut ausgebildete Menschen kommen gern an die Spree, weil die Stadt aufregend ist. Kreative Unternehmen wählen den Standort Berlin, weil ihre Mitarbeiter hier wohnen wollen. Weil Konjunkturpolitik zur Hälfte Psychologie ist, müssen die Verantwortlichen diese Pluspunkte schleunigst nutzen. Erst dann werden die Unternehmer optimistischer, und neue Investoren werden kommen. Nur wenn der Senat die drängenden Probleme - Flughafen, Neuordnung der Wirtschaftsförderung, Straffung der Verwaltung, Modernisierung des Bildungssektors - schnell angeht, kann Berlin Anschluss an den Bundestrend finden.

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