Wirtschaft : Eine völlig veränderte Haltung zur Pornographie

John Carrey / Rebecca Buckman

Tagsüber finden französische Internetsurfer auf der Homepage MSN.fr das typische Angebot an Nachrichten, Sportneuigkeiten, Suchmaschinen und Aktienkursen. Doch aufgepasst, wenn es spät in der Nacht wird. Zwischen Mitternacht und drei Uhr leitet die französische Version des Microsoft-Netzwerkes MSN auf Pornographie-Seiten weiter. Unter der Überschrift "Heiße Nächte im MSN" sind auf der Website in Nahaufnahme nackte Frauenbrüste zu sehen. Daneben stehen Links zu Websites, auf denen erotisches Zubehör, nicht-jugendfreie Videos, Life-Striptease und ähnliches Material angepriesen werden. "Wir wollen unseren Kopf nicht in den Sand stecken und ein ganzes Nachfragesegment im Internet vernachlässigen", sagt Sandrine Murcia, Marketing-Managerin von MSN Frankreich. "Die Nachfrage nach solcher Art von Inhalten ist da. Und wir wollen ihr nachkommen."

Pikant daran ist, dass US-amerikanische Internetportale wie MSN Pornographie meiden - und zwar ganz egal zu welcher Uhrzeit. Und die, die es probierten, scheiterten. So war Yahoos Ausflug in die Pornographiewelt in den USA kurz und schmerzhaft. Im vergangenen April erweiterte das InternetPortal sein Online-Angebot um nicht jugendfreie Videos. Doch wegen heftiger Kritik musste Yahoo die neuen Produkte innerhalb weniger Tage zurückziehen und verzichtete künftig auch auf die Werbung für Pornographisches.

Solche Proteste gab es in Europa nicht. Dort ist erotische Kost derart üblich, dass sie spät in der Nacht auf vielen Fernseh-Sendern läuft. "Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen dem, was in den USA und Europa möglich ist", sagt Dan Stevenson, ein Analyst des Internet-Informationsdienstes Jupiter Media Metrix in London. Und das wollen nun die US-Portale in Europa nutzen. In den vergangenen sechs Monaten hätten US-Portale ihre Haltung gegenüber Pornographie auf dem europäischen Markt "total verändert", sagt Stevenson. Sie sähen es nun als bedeutende Einnahmequelle.

Und in der Tat: MSN ist nicht das einzige US-Portal, das in Europa neuerdings auf Pornographie setzt. Die meisten europäischen Lycos-Portale haben eine prominent platzierte "erotischen" Rubrik auf ihren Homepages, die Kunden zu einer Übersicht über nicht jungendfreie Seiten führt. Nun hat auch Yahoo angekündigt, es wolle seinen europäischen Nutzern besseren Zugang zu Pornographie-Website verschaffen. "Pornographie ist sehr lukrativ", sagt Clotilde de Mersan, eine Managerin von der französischen Yahoo-Seite. "Jedes große Portal überdenkt gerade seine Einstellung."

Das sieht in den Vereinigten Staaten anders aus: Aus Angst vor Kritik aus dem puritanischen Lager haben sich die Portale in den USA bisher nicht an pornographische Inhalte gewagt. Das Äußerste, was die USWebsite MSN.com bietet, ist ein Kontaktanzeigenservice mit Beziehungs-Tipps. "Das ist keine Doppelmoral", sagt der US-Marketingdirektor von MSN, Bob Visse. "Wir optimieren den Inhalt je nach Region. Ich denke, das ist richtig, insofern wir unseren Nutzern gute Erlebnisse ermöglichen." US-Nutzer von MSN wären nicht überrascht, so Visse, fänden sie heraus, dass das Portal in Europa gewagtere Inhalte verbreiten würde. Dennoch räumt er ein, dass neben dem Wunsch, die Kundenbedürfnisse zu befriedigen, Geld eine Rolle gespielt habe. "Wir sind natürlich keine gemeinnützige Organisation."

Wie die Vergangenheit gezeigt hat, kann man mit Pornographie im Internet gut Geld verdienen. Und da der Online-Werbemarkt noch immer unter der allgemeinen Rezession in der Werbebranche schwächelt, sind die übrig gebliebenen Portale dringend auf Einnahmen angewiesen. MSN Frankreich hat mit der Website SexyAvenue vor drei Monaten einen Vertrag geschlossen. Danach preist MSN.fr Produkte von SexyAvenue an - angefangen von nicht-jugendfreien DVDs bis zu Sado-Maso-Accessoires. Im Gegenzug erhält das Internetportal dafür einen Pauschalbetrag sowie eine Gewinnbeteiligung für jeden Kauf, den ein Kunde tätigt, der über das MSN-Portal auf die Website gelangt ist.

MSN hat nach Ansicht von Analysten aber auch einen besonderen Grund, mit Anbietern pornografischer Inhalte zusammenzuarbeiten: Anders als der Konkurrent AOL bezieht MSN in Europa keine festen Einnahmen aus dem lukrativen Internet-Zugangsdienst. Das dürfte ein Grund sein, warum AOL auf seinen europäischen Seiten nicht für Pornographisches wirbt. Damit ist AOL übrigens keine Ausnahme: Obwohl die meisten europäischen Internetportale seit langer Zeit nicht jugendfreie Kost anbieten, haben einige wenige widerstanden. Die France Telecom-Tochter Wanadoo.fr und Voila.fr, Kopf-an-Kopf-Konkurrenten von MSN.fr, haben keinerlei Links zu pornographischen Seiten und nehmen es auch mit der Überprüfung der Homepages ihrer Nutzer sehr genau. Dafür kann sich MSN.fr über mehr Besucher freuen. Bei der Website hat sich die Zahl der Besucher nach Angaben des Internet-Informationsdienstes Jupiter Media Metrix nachts um 15 Prozent erhöht, seit vor sechs Monaten die "neue Verlagspolitik" eingeführt wurde, wie das Unternehmen sagt. Selbst wenn sich die Homepage MSN.fr tagsüber in ein normales Mainstream-Portal zurückverwandelt, bleiben die Links zu den Porno-Seiten erhalten - durch nur drei Klicks in der Rubrik "Männer".

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