Wirtschaft : Eine weitere Mauer fällt

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Es liegt etwas in der Luft diesen Frühling. Erst wurden die Iraker von Saddam befreit und jetzt geht die Sonne über dem geteilten Zypern auf. Im Verlauf der vergangenen zwei Wochen haben die zypriotischen Türken und Griechen die 29 Jahre währende Teilung auf der Straße abgewählt. Mehr als 160 000 Menschen strömten durch die neu eröffneten Grenzübergänge an der 120 Kilometer langen „grünen Linie“. Sie gingen an alte, vertraute Plätze, trafen Freunde, suchten Arbeit und veranstalteten sogar zusammen einen Maifeiertag. Tausende warteten mehrere Nächte an der einstmals bedrohlichen Grenze, um sie zu überqueren.

Man kann die Dramatik dieser Szenen kaum überschätzen. Hardliner auf beiden Seiten der Grenze beharrten darauf, ein friedliches Zusammenleben von Griechen und Türken sei unmöglich. Der langjährige Staatschef der türkischen Zyprioten, Rauf Denktash, verschmähte erst vergangenen Monat den aktuellsten UNFriedensplan, der Zypern rechtzeitig für einen EU-Beitritt wiedervereinigen sollte. Seine Weigerung beschämte die Türkei, die einen Erfolg in Zypern versprochen hatte – zum Vorteil ihrer eigenen EU-Ambitionen. Und Denktashs Volk ging zu Tausenden auf die Straße, um für die EU-Mitgliedschaft zu demonstrieren. Von Ankara bedrängt, hob Denktash zur Überraschung aller das Reiseverbot am 21. April auf. Die euphorische Reaktion von griechischen und türkischen Zyprioten war jedoch die größere Überraschung.

Noch gibt es viele Hürden. Denktash, ein gerissener alter Politiker, will nichts weiter, als an der Macht bleiben. Sein Gegenpart auf der griechischen Seite, der neue Präsident Tassos Papadopoulos, ist weit weniger begeistert von der Wiedervereinigung als sein Vorgänger. Aber eine Woche nachdem Denktash eingeknickt war, zeigte auch der griechische Präsident guten Willen und lockerte die Exportbegrenzungen vom türkischen Teil der Insel. Weitere Maßnahmen sind auf beiden Seiten nötig. Aber die Geschichte der ganzen Welt ist auf der Seite der Zyprioten, die in einem friedlichen, wohlhabenden Staat leben, die ihre Möglichkeiten als Mitglied der EU wahrnehmen und alte Gespenster ruhen lassen wollen. In den neunziger Jahren war dies das Versprechen Europas für den Ostblock. Jetzt ist Zypern dran.

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