Wirtschaft : Einer frisst den Aufschwung

Die glänzenden Gewinnprognosen der Unternehmen täuschen – 2004 wird trüber, als es die Zahlen versprechen

Henrik Mortsiefer,Daniel Rhee-Piening

Von Henrik Mortsiefer

und Daniel Rhee-Piening

In der kommenden Woche schlägt die Stunde der Wahrheit: Die ersten der 30 im Deutschen Aktienindex notierten Unternehmen berichten, wie die Geschäfte im dritten Quartal verlaufen sind. Die Finanzmarkt-Propheten sehen der Berichtssaison gelassen entgegen. Sie rechnen damit, dass sich die Sparmaßnahmen der Firmen in steigenden Gewinnen niederschlagen werden.

Vorboten des Optimismus kamen in dieser Woche aus den USA. Der weltgrößte Aluminiumproduzent Alcoa und das Internetunternehmen Yahoo überraschten mit kräftigen Gewinnzuwächsen. Laut Thomson First Call, einem Datendienst, der die Ertragsschätzungen für US-Großkonzerne sammelt, wird sich der Trend fortsetzen. Ein Ertragsplus von 20 Prozent sei im dritten Quartal bei den 500 Großen im Schnitt wahrscheinlich.

Für 2004 sehen die Prognosen ebenfalls rosig aus: Rund 13 Prozent mehr Gewinn erwarten die US-Unternehmen nach Analystenschätzungen. Noch besser stehen die Dax-Firmen da. Die Gewinnprognosen für alle 30 reichen von plus 37 bis plus 52 Prozent.

Das ist Futter für die Aktien. Der Dax braucht nach dem schnellen Anstieg seit März dringend Fakten-Nachschub. Denn: Die hohen Kurse lassen sich nur noch mit einem kräftigen Aufschwung im kommenden Jahr rechtfertigen. Doch die Annahmen über das Wachstum stehen angesichts der Euro-Aufwertung, der noch stotternden US-Wirtschaft und der unsicheren Reformfortschritte hier zu Lande auf tönernen Füßen. Die Regierung geht zwar offiziell noch von einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2004 von zwei Prozent aus. Inoffiziell wird aber eingeräumt, dass sich diese Vorhersage nicht halten lässt. 1,75 seien wahrscheinlicher, heißt es. Banker und Volkswirte rechnen nur mit 1,5 Prozent.

Und selbst die sind eher schöngerechnet. 0,5 bis 0,75 Prozentpunkte des – hypothetischen – Aufschwungs seien allein darauf zurückzuführen, dass 2004 länger gearbeitet werde, weil es weniger Feiertage gebe, sagt Thomas Huck, Volkswirt bei der Hypo-Vereinsbank. Ob die Unternehmen auch mehr produzieren, nur weil sie mehr Zeit haben, ist aber fraglich. „Diese Betrachtung lässt die Nachfrage außer Acht“, sagt Huck.

Wie aber lassen sich die fast euphorischen Gewinnaussichten der Unternehmen erklären, wenn sie sich volkswirtschaftlich nicht niederschlagen? Wer frisst das versprochene Wachstum? Die Fachleute melden Bedenken an, ob der Optimismus gerechtfertigt ist. Tenor der Kritik: Die Quartalsbilanzen der börsennotierten Unternehmen verzerren die gesamtwirtschaftliche Perspektive, die Statistik nährt die Euphorie.

„Die besseren Ergebnisse bei den Großunternehmen resultieren zu einem nicht unerheblichen Teil aus Kosteneinsparungen“, sagt Peter Pietsch von der Commerzbank. Die Unternehmen sparten, bauten immer noch Stellen ab und erhöhten somit ihre Gewinne. Allein: Mehr Umsatz und Produktion – und damit Wertschöpfung im Sinne der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung – sei das noch nicht. Auch Stefan Mitropoulos von der Bankgesellschaft Berlin glaubt, dass es lange dauern wird, „bis wir harte Fakten sehen“. Zwar seien Sprünge von bis zu 50 Prozent in den Gewinnerwartungen am Ende einer Rezession nicht ungewöhnlich – wer von Null komme, könne entsprechend kräftig zulegen. Aber: „Bisher nehmen die Unternehmen nur auf die Kosten Einfluss.“ Ob die schlankeren Firmen irgendwann auch wieder auf eine steigende Nachfrage stoßen, ist offen. „Alle warten darauf“, sagt Mitropoulos. Für den Experten ist klar: „2004 bekommen wir allenfalls ein Aufschwüngchen.“

Die Diskrepanz in den betriebswirtschaftlichen Gewinn- und volkswirtschaftlichen Wachstumsprognosen ergibt sich auch aus einem statistischen Grund: Nur ein Bruchteil der 2,9 Millionen umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen in Deutschland wird in den offiziellen Gewinnschätzungen, die am Kapitalmarkt Aufmerksamkeit erregen, berücksichtigt. Nur rund 1000 sind an der Börse notiert. Kaum mehr als 100 davon werden regelmäßig von den Banken beobachtet und in deren Gewinnszenarien eingebaut.

Das Heer der nicht berücksichtigten Mittelständler etwa, die mit Ertragsproblemen kämpfen und eher in Verlust- als Gewinndimensionen denken, konterkariert das strahlende Bild, das die Konzerne zeichnen. Die Pleitewelle wirkt als Wachstumsbremse. Der volkswirtschaftliche Schaden, den die rund 40000 Unternehmensinsolvenzen allein im laufenden Jahr verursachen, ist enorm. Der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) hat errechnet, dass durch Firmenzusammenbrüche 2003 rund 600000 Arbeitsplätze verloren gehen. Dies belaste allein die öffentliche Hand mit Kosten in Höhe von rund elf Milliarden Euro. Hinzu komme der direkte finanzielle Schaden durch Forderungsausfälle, der in diesem Jahr rund 47 Milliarden Euro erreiche.

Die freudigen Gewinnaussichten, die in den Quartalsberichten der kommenden Tage zu erwarten sind, sollten also mit Vorsicht gelesen werden. Umso mehr, als die Gewinne der Konzerne viel stärker schwanken als die Wirtschaftsleistung insgesamt. In unterschiedlichen Phasen des Konjunkturverlaufs „über- oder unterschießen die Erträge“, sagt Hans-Jörg Naumer von Allianz Dresdner Asset Management. „Das reale Gewinnwachstum schwankt ungefähr fünf mal so stark wie das reale BIP.“ Erst im Zeitablauf glichen sich beide wieder an. Dann bringt die Empirie eine ernüchternde Erkenntnis: „Die Gewinne können insgesamt nicht stärker wachsen als die Volkswirtschaft“, sagt Naumer. Für 2004 gilt: Statt auf große Freudensprünge sollten sich die deutschen Unternehmen eher auf Trippelschritte einstellen.

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