Wirtschaft : Einer für zwei

BDI und BDA kommen nicht zusammen – nun soll ein gemeinsamer Präsident Thumann es richten

Alfons Frese,Ursula Weidenfeld

Berlin - Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann (65), wird nach Informationen des Tagesspiegels am Sonntag von Verbandskollegen gedrängt, in diesem Herbst in Personalunion auch für das Amt des Präsidenten der Arbeitgeberverbände (BDA) zu kandidieren. An der Spitze der BDA steht seit zehn Jahren Dieter Hundt. Hundt wird im September 69 und will sich im Herbst auf das Altenteil zurückziehen, wenn er auch in seinem Unternehmen in den Aufsichtsrat gewechselt ist.

Da dann der BDA-Spitzenplatz frei wird, sollte Thumann mit seiner Kandidatur die angestrebte Fusion der beiden Verbände BDI und BDA vorantreiben, heißt es in gut informierten Kreisen. Ohnehin werde Thumann dem gemeinsamen Präsidium der beiden Verbände im kommenden Jahr vorstehen und habe außerdem auch Erfahrung als Arbeitgeberfunktionär. Thumann hatte in seiner Zeit als aktiver Unternehmer in den Metallarbeitgeberverbänden Nordrhein-Westfalens mitgearbeitet. Der BDI-Präsident sagte dem Tagesspiegel am Sonntag: „Diese Frage stellt sich im Augenblick gar nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass Herr Hundt erneut antritt. Von den Mitgliedsverbänden bin ich nicht gebeten worden, für die Nachfolge zu kandidieren.“

Nachdem BDA und BDI vergangenen Oktober eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet hatten, ist die Zusammenarbeit nun schon ins Stocken geraten. Die Bildung von vier gemeinsamen Fachausschüssen (Bildung, Statistik, Innovation und Mittelstand) dauert vermutlich bis mindestens zur Jahresmitte, die Suche nach gemeinsamem Spitzenpersonal gestaltet sich schwierig.

Am vergangenen Dienstagabend war deutlich geworden, wie sehr es im Haus der Spitzenverbände in Berlin-Mitte knirscht. Auffallend kühl wurde der langjährige Hauptgeschäftsführer des Industrieverbandes, Ludolf von Wartenberg (65), in den Ruhestand verabschiedet. Von Wartenberg stand der Vereinigung der beiden Spitzenverbände immer skeptisch gegenüber. Ein großer Teil der Teilnehmer der Verabschiedung widmete sich statt der Festreden lieber im Vorraum der BDI/BDA-Fusionsdebatte. Tenor: „Das wird nichts.“

Drinnen versuchte der Präsident, die Skepsis zu dämpfen, doch in Wirtschaftskreisen wird mit Argwohn registriert, dass Thumann offenbar keine Anstrengungen unternimmt, um einen Nachfolger für von Wartenberg zu finden. Der Verdacht: Thumann wolle es noch einmal mit Reinhard Göhner versuchen. Göhner, heute Hauptgeschäftsführer der BDA und CDU-Bundestagsabgeordneter, könnte tatsächlich zum Zuge kommen, wenn der BDI-Mann Thumann Präsident der vereinigten Verbände würde. Dann nämlich stünde die Besetzung des Hauptgeschäftsführerpostens der BDA zu. Für viele BDIler ist das eine Horrorvorstellung. Göhner, mit allen Wasser gewaschen und fintenreicher Stratege der BDA, gilt in Industriekreisen als zu konsensorientiert. Wie sein Präsident Hundt sei auch Göhner Anhänger des Flächentarifs und suche den Ausgleich mit den Gewerkschaften. Auch deshalb war Thumann schon im vergangenen Herbst mit dem Versuch gescheitert, Göhner als Supergeschäftsführer beider Verbände einzusetzen.Thumann sagte dieser Zeitung, er werde „in absehbarer Zeit einen Vorschlag machen“.

Vorangekommen ist die gemeinsame Arbeit der Spitzenverbände bislang nicht. Behindert wird sie vor allem durch die Mitarbeiter im gemeinsamen Haus in der Breiten Straße, die den Verlust attraktiver Posten fürchten. Nur der wachsende Druck von außen – viele Mitgliedsverbände sind nicht mehr bereit, in zwei Spitzenverbänden Beiträge abzuliefern – sorgt dafür, dass überhaupt noch gesprochen werde, heißt es. Vor allem die Industriekonzerne und der Metallarbeitgeberverband Gesamtmetall, der fast vierzig Prozent der Mitgliedsbeiträge der BDA bezahlt, wollten die Fusion. Dagegen steht der Verband der Maschinen- bauer dem unverändert kritisch gegenüber. Doch er steht mit dieser Haltung zunehmend allein.

„Ich bin ein Befürworter der Fusion“, sagte Friedhelm Loh, Präsident des Verbandes der Elektroindustrie, dem Tagesspiegel am Sonntag. Der Anfang sei gemacht, jetzt müssten die Vereinbarungen auch umgesetzt werden. Der Sinn der Fusion liegt für Loh darin, „die Strukturen so auszurichten, dass wir auch künftig noch eine Rolle spielen“. In Zeiten der großen Koalition haben die Spitzenverbände der Wirtschaft die Befürchtung, von der Politik nicht mehr ernst genommen zu werden. Loh warnt allerdings vor zu viel Tempo im Fusionsprozess: „Wir müssen die Dinge wachsen lassen und die Menschen auch mitnehmen.“ Eine Fusion in diesem Jahr und einen BDI/BDA-Präsidenten Thumann kann er sich „nicht vorstellen“. Thumann im Übrigen auch nicht.

Dass Arbeitgeberpräsident Hundt noch einmal antritt, glaubt indes außer Thumann kaum noch jemand. Vielmehr hat die Nachfolgediskussion begonnen. Erster Kandidat ist Martin Kannegiesser, der Präsident von Gesamtmetall. Das hätte allerdings mehrere Haken. Kannegiesser ist mit 65 Jahren nur drei Jahre jünger als Hundt, und er wird noch gebraucht an der Spitze von Gesamtmetall. Im Übrigen ist eine Zusammenarbeit von Kannegiesser und Göhner an der BDA-Spitze schwer denkbar. Kannegiesser ist es gewohnt, bei Gesamtmetall die Strategie zu bestimmen. So wie Göhner bei der BDA. „Göhner hat einen Präsidenten, der das tut, was er ihm vorlegt“, heißt es in Verbandskreisen. Göhner und Kannegiesser zusammen – das wäre einer zu viel. Womöglich Göhner. Der könnte sich dann in den Bundestag zurückziehen, dem er seit Jahren angehört.

Und Kannegiesser würde Präsident? Eher nicht, meinen Kenner der Szene. Der pragmatische Umgang des Mittelständlers mit den Gewerkschaften und sein tarifpolitischer Kurs haben ihm Feinde eingebracht. Überhaupt sei Hundt nur deshalb so lange Präsident geblieben, damit Kannegiesser an der BDA-Spitze verhindert werden konnte, heißt es in den Wirtschaftsverbänden, in denen derzeit viel übereinander geredet wird. Vor allem auch viel Schlechtes.

Auch über Thumann, der nach von Wartenbergs Abgang an der Spitze dort nun „den großen Zampano“ mache. Und jedenfalls als Präsident eines fusionierten Spitzenverbandes nicht infrage komme. Auch deshalb, weil ihn die Großindustrie vorschicke, um das „Modell Schleyer“ zu realisieren. Der war nämlich in den 70er Jahren Präsident von beiden Verbänden. Thumann hält sich bedeckt. „Ich bin interessiert, die Zusammenarbeit auf allen Ebenen zu vertiefen.“ Mit wem, bleibt noch offen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben