Einfach das Smartphone ranhalten : Berliner sollen mit dem Handy bezahlen können

Zahlen im Vorbeigehen: Händler und Mobilfunker testen kontaktloses Bezahlen in Berlin. Doch die Kunden sind zögerlich.

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Zahlen über das Smartphone geht bequem und schnell.
Zahlen über das Smartphone geht bequem und schnell.Grafik: iStock; Montage: Thomas Mika

Ihr Optimismus ist ungebrochen. „Wir sind sicher, dass sich das Smartphone bei unseren Kunden als Zahlungsmittel durchsetzen wird“, sagt Torsten Kruse im sechsten Stock des Kaufhofs am Berliner Alexanderplatz. Ob das die Kunden in den fünf Etagen darunter tatsächlich genauso sehen wie der Geschäftsführer des Vorzeigehauses der Metro-Gruppe, die anwesenden Vertreter großer deutscher Einzelhändler und der drei deutschen Mobilfunkbetreiber, soll sich in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. Mit einer konzertierten Aktion wollen Händler und Telekomunternehmen einer Technologie zum Durchbruch verhelfen, die im Kreis der unterschiedlichen Bezahlmethoden hierzulande seit Jahren allenfalls eine Nebenrolle spielt.

Die Theorie: Ein Kunde hält sein Telefon in die Nähe des Kartenterminals und der Kaufpreis wird von seinem Konto abgebucht. Bei Beträgen über 25 Euro bestätigt er zusätzlich mit seiner Geheimzahl. Voraussetzung ist, dass das Handy einen NFC-Chip hat. Diese Nahfunk-Technologie ermöglicht Datenübertragung über eine kurze Entfernung und ist bereits in einer Vielzahl von Modellen unterschiedlicher Smartphone-Hersteller eingebaut. Mit einiger Verzögerung hat zuletzt Apple seine iPhones mit NFC ausgerüstet. Auch in immer mehr Giro- (früher EC-) und Kreditkarten findet sich der Standard im Chip.

Kaufhof, Real, Kaiser's und Rewe beteiligen sich

Als großen Vorteil für die Nutzer dieser Wallets genannten virtuellen Portemonnaies preisen die Mobilfunkbetreiber unter anderem die Schnelligkeit des Bezahlvorgangs an. Statt umständlich die Karte aus der Brieftasche zu ziehen, in den Terminal zu stecken und die Geheimzahl einzugeben, zahle man mit NFC im Smartphone im Vorbeigehen. Inzwischen bieten sowohl die Deutsche Telekom als auch Vodafone und O2 eine entsprechende Lösung an. Um Kunden das Angebot schmackhaft zu machen, haben die Unternehmen nach eigenen Angaben nun in Berlin mehr als 2000 Kassen in über 500 Läden für die NFC-Technologie aufgerüstet. Neben Kaufhof und Real beteiligen sich an der Initiative Zahl-einfach-mobil.de Kaiser’s, Obi, Rewe und seine Tochter Penny. Die Unternehmen wollen herausfinden, inwieweit Verbraucher die neue Technologie annehmen.

Dass sich diese vordergründig bequeme Form des bargeldlosen Bezahlens bislang nicht durchgesetzt hat, hat mehrere Ursachen. Die Deutschen sind noch immer treue Anhänger des Bargelds. Während im angelsächsischen Raum und in vielen skandinavischen Ländern nahezu alles vom Brötchen bis zum Auto mit der Plastikkarte bezahlt wird, begleichen Verbraucher hierzulande die Mehrheit ihrer Auslagen mit Münzen und Banknoten, wie die Bundesbank mitteilte. Lediglich knapp jeder Fünfte zahlt bargeldlos, wo immer es geht. Kreditkarten sind nach wie vor weniger stark verbreitet. Nach Ansicht von Experten hat der Hang zum Baren vor allem mit dem gut ausgebauten Netz von Geldautomaten zu tun: Bargeld ist immer schnell verfügbar. Und nicht zuletzt gelten die Deutschen als besonders misstrauisch, was die Weitergabe ihrer Daten angeht.

Der Bargeldanteil soll bald auf unter 50 Prozent sinken

Festgelegtes Verhalten könne dazu führen, dass sich Innovationen im Zahlungsverkehr schwerer durchsetzen, mutmaßen die Bundesbanker. Erschweren ja, aufhalten aber offenbar nicht. Mittelfristig sei mit einer „langsamen, aber kontinuierlichen Substitution von Bargeld durch unbare Zahlungsinstrumente zu rechnen“, sagte Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele anlässlich der Vorstellung der Studie im März. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband erwartet seinerseits, dass der Bargeldanteil im Handel innerhalb der nächsten Jahre auf unter 50 Prozent sinkt. Und immerhin: Rund 13 Prozent der Kunden haben schon mal ihr Smartphone oder Tablet zum Bezahlen genutzt, wie die Beratungsfirma Bain in einer Studie ermittelt hat.

Die Zurückhaltung der Kunden ist allerdings nur eine Ursache für die schleppende Einführung des kontaktlosen Bezahlens. Experten sehen auch den Handel als Bremser. Kartenterminals werden in der Regel nur alle paar Jahre ausgetauscht, sodass derzeit lediglich 40 000 bis 50 000 der insgesamt rund 750 000 hierzulande NFC-fähig sind. Zudem greifen die Telekomunternehmen vor allem auf die Dienste der Kreditkartenanbieter zurück. Und die Gebühren für den Händler bei Kreditkartenzahlung liegen derzeit mit bis zu drei Prozent vom Umsatz bis zu zehnmal so hoch wie mit dem Girocard-Verfahren. Vom noch günstigeren elektronischen Lastschriftverfahren, bei dem der Kunde den Kauf mit seiner Unterschrift bestätigt, ganz zu schweigen.

Der Durchbruch kommt 2016

Dennoch mehren sich die Stimmen, dass Initiativen wie die der Handels- und der Telekomkonzerne in Berlin zur richtigen Zeit kommen. Der Abrechnungsspezialist Wirecard traut seiner neuen Sparte für das Bezahlen mit dem Handy erstmals Gewinne zu. Das Thema mobiles Bezahlen sei noch nicht bei der Masse der Kunden angekommen, sagte Vorstandschef Markus Braun kürzlich. Den Durchbruch erwartet er aber für 2016. Und auch die Berliner Wirtschaft stellt sich hinter den Vorstoß der Händler und Mobilfunker. Er zeige wie erfolgreich New and Old Economy zusammenarbeiten können, sagte der stellvertretende IHK-Chef Christian Wiesenhütter. „Dass das alles in Berlin ausprobiert wird, belegt einmal mehr, dass die Hauptstadt ein attraktiver Testmarkt ist.“

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