Wirtschaft : Einfach mal hängen lassen

Wie Unternehmen und Mitarbeiter für mehr Entspannung am Arbeitsplatz sorgen

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Ausgleich. Nicht nur der Körper braucht Pflege. Firmen bieten heute auch psychosoziale Beratungen an, um die Arbeitsbelastung ihrer Mitarbeiter aufzufangen. Foto: picture-alliance/dpa
Ausgleich. Nicht nur der Körper braucht Pflege. Firmen bieten heute auch psychosoziale Beratungen an, um die Arbeitsbelastung...Foto: picture-alliance/ dpa-tmn

Wechselnde Arbeitszeiten beim Schichtdienst, die einen gesunden Tagesrhythmus verhindern. Dauernder Lärm im Call-Center, der Konzentration fast unmöglich macht. Schlangen von Kunden vor dem Schalter, die bedient werden müssen. Konkurrenz im Büro, die für starken Druck sorgt: Die Liste an Stressauslösern am Arbeitsplatz ist lang. Da reicht das freie Wochenende oft nicht mehr aus, um genug Energie für die kommende Woche zu tanken. Doch das hat Folgen: Durch andauernden Stress können Krankheiten wie Rücken- oder Herz-Kreislauf-Leiden und psychische Erkrankungen wie Burnout ausgelöst werden.

Es gibt zwei Möglichkeiten, gegen Stress anzugehen, sagt Karin Vitzthum vom Institut für Arbeitsmedizin der Charité. „Die eine ist, die äußeren Bedingungen zu ändern und die tatsächliche Arbeitsbelastung zu reduzieren“, erklärt die Psychologin. Das betrifft in der Regel nicht nur den einzelnen Mitarbeiter, sondern auch den Arbeitgeber.

„Die andere ist, die eigene innere Einstellung zu überdenken“, sagt die Psychologin. Da ist jeder einzelne Berufstätige angesprochen. Denn oft sei es zum Beispiel nicht nur die Masse der Aufgaben, unter der jemand leide, sondern auch ein überhöhter Anspruch an sich selbst. „Es lohnt sich, die eigenen Glaubenssätze zu überprüfen. Wo setze ich Prioritäten? Muss ich wirklich auf alle Anfragen sofort reagieren?“, sagt Vitzthum.

DIE ARBEIT OPTIMAL ORGANISIEREN

„Viele Stresssituationen sind vorhersehbar, das heißt, man sollte sich in die Endphase eines Projektes, wenn sich die Arbeit voraussichtlich verdichtet, keine zusätzlichen dienstlichen und privaten Termine legen – und Überstunden einkalkulieren“, sagt Gabriele Richter, Arbeitspsychologin bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Temporäre Phasen der Anstrengung hält sie dagegen nicht für schädlich. Wenn aber ein Termin den nächsten jagt und langfristige Symptome wie Schlaflosigkeit auftreten, müsse man gegensteuern.

Schon einfache interne Regeln können helfen, Stress zu reduzieren. So können im Betrieb etwa Absprachen getroffen werden, bis wann Anfragen per E-Mail beantwortet werden müssen. So ist es vielleicht auch aus Arbeitgebersicht nicht notwendig, permanent die Arbeit zu unterbrechen, um auf eingehende Nachrichten zu reagieren. Nach einer Studie der Bundesanstalt zu Multitasking führen Unterbrechungen bei komplexen Aufgaben zu geringerer Leistung und lösen Frustration und negative Gefühle aus.

MONOTONIE VERMEIDEN

Doch nicht nur stark eingebundene Arbeitnehmer leiden unter Stress. Auch Unterforderung und Monotonie können Stress-Symptome hervorrufen. „Hier liegt es am Arbeitgeber, die Arbeit abwechslungsreich zu gestalten“, sagt Vitzthum von der Charité. Wechselnde Aufgaben tragen auch nach Erfahrung der Arbeitsschutz-Expertin Richter zu einer größeren Arbeitszufriedenheit bei. Bei monotonen, stark standardisierten Abläufen können sogar reine Unterbrechungen der Arbeit eine willkommene Abwechslung sein, ist ein weiteres Ergebnis der Multitasking-Studie.

EIN GUTES BETRIEBSKLIMA SCHAFFEN

Einen großen Anteil am Stressempfinden der Mitarbeiter hat das Arbeitsumfeld. Ein schlechtes Betriebsklima, geprägt durch Konkurrenz und Unsicherheit des Arbeitsplatzes, führen zu psychischem Stress. „Ein gutes Betriebsklima entsteht vor allem über die Führung: Vermittelt sie Anerkennung? Löst sie Probleme, gibt sie den Mitarbeitern den Handlungsspielraum, den sie brauchen?“, erklärt Alfons Schröer, Abteilungsleiter Gesundheitsförderung des BKK Bundesverbandes. Kommunikation und Transparenz seien die Schlüssel, um derartigen Stress zu vermeiden. Vor diesem Hintergrund seien auch Konflikte nicht grundsätzlich schädlich. „Es kommt entscheidend darauf an, wie man damit umgeht“, so Schröer.

Gut gemeinte Gesundheitsangebote von Unternehmen wie etwa Rückenschulungen oder Gymnastik machen aber nur Sinn, wenn die Arbeitsumstände stimmen. „Sonst verpufft ihre Wirkung“, sagt Expertin Richter. Wenn die Personaldecke zu dünn ist, nütze auch keine Rückenschule, um die Mitarbeiter gesund und bei Laune zu halten. Außerdem rät sie: „Die Arbeitnehmer sollten in die Planung von Gesundheitsförderung eingebunden werden. Sie wissen am besten, wo es bei den Arbeitsabläufen hakt.“

ARBEITSBELASTUNGEN AUFFANGEN

Wie ein Unternehmen den Stress für die Mitarbeiter reduzieren und ihre Gesundheit fördern kann, macht die Deutsche Bahn (DB) vor. 2009 wurde sie dafür als „Deutschlands gesündestes Unternehmen“ mit dem Corporate Health Award ausgezeichnet. Neben gesundem Kantinenessen und Sportkursen bietet der Konzern eine umfangreiche psychosoziale Betreuung an. Fühlen sich etwa Lokführer durch die häufige Trennung von der Familie oder den Schichtdienst belastet, können sie unbürokratisch Beratung in Anspruch nehmen, sagt der Leiter des DB-Gesundheitsmanagements, Christian Gravert. Das gelte auch für Verwaltungsangestellte und Call-Center-Agents.

Mitarbeiter, die sich oft mit Beschwerden von Kunden auseinandersetzen müssen, lernen in speziellen Präventionsprogrammen, wie man Konflikte deeskaliert.

Als Pilotprojekt startet die Bahn gerade ein Employee Assistance Program (EAP): Über eine Servicenummer bieten Berater rund um die Uhr Unterstützung in allen Lebenslagen, auch etwa bei sozialen und juristischen Problemen, die nicht unbedingt mit dem Job zu tun haben. Um den Umgang mit Stress zu lernen, können Mitarbeiter an einer „Vitalwoche“ in einem Reha-Zentrum teilnehmen.

Der Nutzen ist im Konzern unstrittig, auch wenn er sich laut Gravert betriebswirtschaftlich nicht beziffern lässt: „Die Maßnahmen sind gut für die Motivation der Mitarbeiter und wichtig, um langfristig ihre Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten“, sagt er, „auch vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung.“

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