Wirtschaft : Einfluss aus dem Elfenbeinturm

Viele Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften prägen mit ihren Ideen die Politik

Mary Lisbeth D’Amico

Mit Champagner feierten europäische Politiker und die Spitze der Europäischen Zentralbank die Einführung einer gemeinsamen Währung. Damals, im Januar 1999, war wohl den wenigsten bewusst, dass die Idee sehr viel älter war. Schon 1961 hatte der kanadische Ökonom Robert A. Mundell eine Einheitswährung vorgeschlagen. Die Öffentlichkeit wurde im Oktober 1999 daran erinnert, als Mundell den Wirtschaftsnobelpreis erhielt. Die Königliche Schwedische Akademie zeichnete ihn für seine Analyse flexibler und fester Wechselkurse und ihre Auswirkung auf die Geld- und Fiskalpolitik aus.

Mundell ist ein gutes Beispiel dafür, wie Träger des Wirtschaftsnobelpreises die Politik beeinflussen. Schon vor 40 Jahren plädierte Mundell für eine einheitliche Währung in so genannten „optimalen Währungszonen“, weil er es für kaum machbar hielt, stabile Wechselkurse, freie Kapitalflüsse und eine unabhängige Geldpolitik gleichzeitig zu erreichen. „Es hat 30 Jahre gedauert, bis sich die Vorstellungen des Ökonomen durchgesetzt haben und Politiker für eine Währungsunion eintraten“,  sagt Francesco Giavazzi, Ökonomieprofessor an der Mailänder Bocconi-Universität. Es ist nicht immer so leicht, die direkten Auswirkungen Nobelpreis gekrönter Wirtschaftstheorien auf die Politik festzustellen. Dass sie über kurz oder lang das staatliche Handeln beeinflussen, steht für Wirtschaftswissenschaftler fest.

Wie viel Bedeutung den einzelnen Nobelpreisträgern zukommt, ist je nach politischer Überzeugung umstritten. Kaum einer bestreitet allerdings den Einfluss von Milton Friedman, dem Nobelpreisträger von 1976. Der Ökonom analysierte,  wie sich eine stabile Geldpolitik auf die Preisstabilität und den Wirtschaftszyklus auswirkt. Seine Thesen spielten bei der US-Notenbank Federal Reserve und anderen Notenbanken eine große Rolle, sagt Barry Hirsch, Ökonomieprofessor an der texanischen Trinity University und Mitherausgeber des Buchs „Lives of the Laureates“, das autobiografische Essays von Wirtschafts-Nobelpreisträgern enthält. Friedman hat außerdem mit seinen marktorientierten Theorien konservative Politiker wie den früheren US-Präsidenten Ronald Reagan und die britische Ex-Premierministerin Margaret Thatcher beeinflusst.

In Sachen Wirtschaftsliberalismus hat  allerdings Friedrich von Hayek noch stärker die Politiker beeinflusst, meinen einige Ökonomen. Der gebürtige Österreicher erforschte, wie mit Hilfe ungeplanter und dennoch effizienter Marktinstitutionen – etwa dem Geld  – das Wissen koordiniert wird, sagt Wirtschaftsprofessor Bruce Caldwell. Der Ökonom sei auch einer der ersten gewesen, der erklärte, warum eine Marktwirtschaft einer Planwirtschaft überlegen ist. Anders als eine zentralisierte Volkswirtschaft verbreite eine Marktwirtschaft das dezentralisierte Wissen, argumentierte der Nobelpreisträger. „Hayek hat gezeigt, warum sich eine Marktwirtschaft besonders gut an die ständig verändernde Welt anpassen könne“, sagt Hirsch.

Das ist zwar heute die allgemeine Überzeugung, nicht aber in den 30er und 40er Jahren. Mit seinen damals revolutionären, wirtschaftsliberalen Ideen beeinflusste Hayek sowohl Margaret Thatcher als auch Ronald Reagan. Auch der frühere deutsche Finanzminister und Kanzler Ludwig Erhard gilt unter Ökonomen als Hayek-Anhänger. Als er im Juni 1948  mit der Einführung der D-Mark die Preiskontrollen aufhob, markierte dies einen Wendepunkt in der deutschen Wirtschaft. Erhard bereitete damit dem deutschen Wirtschaftswunder den Weg.

Doch nicht nur die klassischen liberalen oder konservativen Ökonomen haben Eingang in die Politik gefunden. Seit einiger Zeit gewinnen auch Wirtschaftswissenschaftler an Einfluss, die die reine Marktwirtschaft kritisch sehen, sagt der texanische Wirtschaftsprofessor Hirsch. Ein Beispiel ist der Berkeley-Professor George A. Akerlof, der 2001 gemeinsam mit Michael Spence und Joseph E. Stiglitz den Nobelpreis erhielt. Ausgezeichnet wurde ihre Analyse von Märkten mit asymmetrischen Informationen, wonach zum Beispiel Käufer weniger Informationen als Verkäufer haben. Diese Theorie habe die Regierung Clinton bei der Planung einer Gesundheitsreform beeinflusst, sagt Brad DeLong, Ökonomieprofessor an der University of California.

Stiglitz, einer der Mitbegründer der Theorie der asymmetrischen Marktinformationen, hat mit seinen Ansichten zeitweilig auch den Internationalen Währungsfonds (IWF) beeinflusst. Während der asiatischen Finanzkrise im Jahr 1997 habe der Ökonom eine leichte Kurskorrektur des Währungsfonds veranlasst, sagt DeLong. Stiglitz, damals Chefökonom der Weltbank, habe die strikten Schuldendienst-Regeln für Entwicklungsländer stark kritisiert, weil sie das internationale Finanzsystem destabilisierten. „Der IWF verwendete damals Wirtschaftsmodelle, welche die Fortschritte der Wirtschaftswissenschaften der vergangenen 25 Jahre außen vor ließen“, schrieb Stiglitz, kurz nachdem er den Nobelpreis gewann.

Nobelpreisträger prägen nach Ansicht des Bocconi-Professors Giavazzi mit ökonometrischen Modellen auch die tägliche Wirtschaftspolitik. In der Ökonometrie wird mit Hilfe der Statistik Wirtschaftstheorie und -politik analysiert. Eines der ersten Modelle stammt vom Nobelpreisträger Franco Modigliani. Erst dadurch wurden Analysen entwickelt, die etwa die Wirkung einer Leitzinsänderung darstellen, sagt Giavazzi: „Inzwischen gilt das als Selbstverständlichkeit.“

Einer der einflussreichsten Ökonomen der Welt starb allerdings, ohne den Nobelpreis erhalten zu haben: John Maynard Keynes. Das hat einen Grund. Erst 1969, lange nach seinem Tod, wurde der Wirtschaftsnobelpreis eingerichtet. Der Ökonomieprofessor Breit ist sich sicher, dass Keynes den Preis erhalten hätte. Denn Keynes hatte vorausgesagt, dass die harten Reparationszahlungen, zu denen Deutschland nach dem ersten Weltkrieg gezwungen wurde, zu Inflation und dem Aufstieg eines Diktators führen würden.

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