Wirtschaft : Eingeschlafene Beine

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Drei cordbezogene Schaumstoffquadrate, Sofateile. Hier liegt das Kind. Es bewegt sich in der Nacht. Daraufhin bewegen sich die Quadrate auseinander wie Kontinente. Und das Kind sackt schlafend in die Ritze. Es war eines dieser Sofas. Und das Kind war ich.

Seitdem hat sich eigentlich nichts normalisiert. Sofas blieben auf seltsame Weise immer defizitär. Man muss dazu sagen, dass das Kind seitdem eine ganze Menge gewachsen ist. Vielleicht ist es sogar ein langer Lümmel geworden. Absterbende Arme, taube Beine, verkantete Knie – alles der kleinen, kurzen Sofas wegen, Sofas aus einer Zeit, als Geradesitzen noch ein Erziehungsziel war.

Ich habe mir noch nie ein Sofa neu ausgesucht. Irgendwie haben sie immer mich gefunden. Es waren nur alte Modelle, gefertigt, als der DINMensch noch kleiner war. Das erste Sofa ist mir zugelaufen. Andere gehörten den Mitbewohnern. Auf Erbstücken mit kratzigen Polstern im Gesicht habe ich Nächte in fremden Städten verbracht. Es waren schöne Nächte, wenn man außer Acht lässt, dass der Kopf im 90-Grad-Winkel der Armlehne stehen blieb bis nach dem Frühstück. Und ein kleines, altes, rotes Samtsofa wurde mir geschenkt. Das darf jetzt immer beim Kochen dabei sein. Es stand lange auf Klötzen, damit es überhaupt an den Küchentisch heranreicht. Es ist ein ziemlich kleines Sofa. Manchmal macht es sich mit einer einzelnen, freigekämpften Feder wichtig. Aber wer sich je auf diesem Sofa zum Lesen setzen will, sitzt wie in der Bundesbahn. Beim horizontalen Lesen sind die Armlehnen dort, wo die Waden sind. Die Füße stehen über und werden langsam gefühllos.

Aber neulich sollte es ein Ende haben. Eine riesige alte Ottomane, lang genug, um sich auch einmal auszustrecken, nahm unsere vier Stockwerke. Breitbeinig stand sie da, als wäre sie für die langen Kerls des Alten Fritz gemacht. Es dauerte nur ein paar Tage, da flogen aus ihr die Motten. ded

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