"Einkaufsberater" : Wie in Australien Chinas Appetit auf West-Produkte gestillt wird

In Sydneys Supermärkten gehen tausende Kleinunternehmer, sogenannte "Daigous", für chinesische Kunden einkaufen. Die Tochter des Ex-Premiers ist besonders dick im Geschäft.

Barbara Barkhausen
Babyleichtes Geschäft. Der Onlineshop "Jessicas Suitcase" von Jessica Rudd, der Tochter des ehemaligen australischen Premiers Kevin Rudd, hat Angebote speziell für Mütter in China.
Babyleichtes Geschäft. Der Onlineshop "Jessicas Suitcase" von Jessica Rudd, der Tochter des ehemaligen australischen Premiers...Screenshot: jessicassuitcase.tmall.hk/

Junge chinesische Frauen, beladen mit Tüten voller Babymilchpulver, Vitaminen, Medikamenten, Tampons und Kinderprodukten, sind kein seltenes Bild in australischen Supermärkten. Oft handelt es sich um sogenannte Daigous, was auf Mandarin so viel bedeutet wie „im Auftrag von“. Sie kaufen nicht für den eigenen Bedarf, sondern verstehen sich als eine Art „Einkaufsberater“ für Kunden, die selbst in China sitzen und sich nicht davor scheuen, überteuerte Preise für ausländische Produkte zu zahlen, die in ihren Augen eine deutlich bessere Qualität aufweisen als die aus dem eigenen Land.

Rund 40.000 solcher Daigous soll es in Australien geben, meist chinesische Einwanderer oder junge internationale Studenten, die sich mit den Paketen, die sie nach China schicken, ihre Miete, die Universitätsgebühren und den Lebensunterhalt finanzieren – mit einem Einkommen, das in der Regel unversteuert bleibt. Die meisten Daigous leben und handeln von Sydney aus: Dort stellten chinesische Einwanderer bei der Volkszählung 2011 vier Prozent der Gesamtbevölkerung, knapp 150.000 Menschen.

Obwohl Peking diesen Handel inzwischen stärker reguliert und wegen der vielen Daigous Konkurrenz herrscht, verdienen die Einkaufsberater durchschnittlich noch immer rund 40 000 australische Dollar (28 000 Euro) im Jahr, schätzen Ökonomen. Besonders begehrte Produkte stammen von den Vitaminherstellern Swisse und Blackmores sowie vom Babynahrungsproduzenten Bellamy’s. „Neben den kleinen Daigous, beispielsweise den Mamas, die es als Geschäft von zu Hause betreiben und Produkte nach China schicken, gibt es auch die, die ihr eigenes Geschäft eröffnen und versuchen, größer angelegtes Business zu betreiben“, sagte Benjamin Sun, Mitgründer der digitalen Marketingagentur Think China in Sydney.

Die Tochter des Ex-Premiers verkauft besonders viel

Eine, die ihr Geschäft größer angelegt hat, ist die Australierin Jessica Rudd. Die Tochter des ehemaligen australischen Premiers Kevin Rudd lebte selbst fünf Jahre lang in Peking, als sie sich nach ihrer Rückkehr in die Heimat entschied, das Online-Angebot Jessica’s Suitcase zu starten. Die Idee für den Namen „Jessicas Koffer“ sei ihr gekommen, nachdem ihre chinesischen Freundinnen sie regelmäßig baten, von einer Reise nach Australien Produkte für sie im Koffer mitzubringen. „Die Chinesen schauen die australischen Farmen an, das Great Barrier Reef und das Outback“, sagte Rudd. „Für sie sind die australischen Produkte grün, sauber und zuverlässig.“ Für viele chinesische Konsumenten ist dies besonders wichtig, nachdem 2008 mindestens sechs Babys durch mit Melamin verseuchtes Babymilchpulver starben und 300.000 erkrankten.

Online vertreibt die Rechtsanwältin und PR-Beraterin deswegen vor allem Bioprodukte, Nahrungsmittel für Babys, Kosmetik, Sonnencreme, Insektenschutzmittel oder Desinfektionsmittel. In Blogs und Videos gibt sie ihren Kunden zusätzlich gute Tipps für die Babypflege. In einem Video interviewt sie beispielsweise eine Expertin, wie Babys sicher schlafen und man so den plötzlichen Kindstod vermeiden kann. Rudd kooperiert mit dem weltweit umsatzstärksten Internethändler Alibaba, auf dessen Tmall-Global-Plattform sie sich einen Platz im australischen Landes-Pavillon gesichert hat. Rudd erklärt, sie verkaufe nur Produkte, die sie auch für sich und ihre eigenen Kinder verwenden würde – Bio-Papaya und Honig-Balsam oder Kokosnussöl gehören dort zu ihren Bestsellern.

Damit folgt sie den Prinzipien der Daigous, deren Geschäft hauptsächlich auf Vertrauen aufbaut und die meist im Familien- und Bekanntenkreis starten. In Australien spielen die Daigous inzwischen eine so große Rolle im Geschäft mit China, dass es eigene Konferenzen zum Thema gibt. Eine Veranstaltung von eCommerce China in Sydney in diesem Jahr lockte mehr 3500 Teilnehmer – Daigous wie australische Firmenvertreter. Laut Organisatorin Livia Wang sollten Daigous die erste Anlaufstelle für Unternehmen sein, die ins China-Geschäft einsteigen wollen: „Es gibt keine Produkte, die großen Erfolg in China hatten und nicht vorher im Daigou-Markt populär waren“, sagt sie.

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