Einkommen : Nettolöhne: Wie dreist bedient sich Vater Staat am Einkommen?

Ein Boulevardblatt sorgt für Aufregung bei Deutschlands Arbeitnehmern: die Nettolöhne seien auf den Stand von 1986 zurück gefallen. Was ist dran an der allgemeinen Aufregung? Wie dreist greift der Staat wirklich zu?

Sylvia Vogt,Markus Mechnich
Nettolöhne Geld
Es rinnt durch die Hände: Die Nettolöhne sinken - ganz real. -Foto: Dreamstime

BerlinViele ahnten es schon und beim Blick in die eigene Kasse durfte man sich sicher sein: der Wirtschaftsaufschwung schlägt sich nicht im Geldbeutel der Arbeitnehmer nieder. Jetzt schockte die "Bild"-Zeitung mit der Nachricht, dass sich die Netto-Löhne auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren befinden. Schuld seien immer mehr Abzüge durch den Staat. Was ist dran am Bild vom verarmten Arbeitnehmer?

Aus dem "Statistischen Taschenbuch 2007" des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales geht hervor, dass das durchschnittliche Netto-Jahreseinkommen seit dem Jahr 1992 gesunken ist. Kurz nach der Wiedervereinigung hatte der Durchschnittsarbeitnehmer 17.251 Euro in der Tasche. 15 Jahre später beträgt das reale Netto-Einkommen nur noch 15.845 Euro.

Ministerium: "Einseitig und tendenziös"

In einer Stellungnahme des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, die Tagesspiegel.de vorliegt, wird festgestellt, dass das Boulevardblatt die Daten der Nettolohnstatistik einseitig und tendenziös interpretiert habe. "Der Vergleich 2006 mit 1986 ist unzulässig, weil hier westdeutsche Ergebnisse(1986) mit gesamtdeutschen Ergebnissen (2006 ) verglichen werden", erklärt eine Sprecherin des Ministeriums.

Besonders wehrt sich das Arbeitsministerium gegen die Behauptung, der Staat greife immer stärker in die Tasche der Arbeitnehmer. Die Steuerquote sei in den letzten 10 Jahren gleich geblieben und durch die Entlastung der Großen Koalition zum ersten Mal seit 1995 wieder unter 40 Prozent gesunken. Die Verantwortung für die gähnende Leere in den Geldbörsen deutscher Arbeitnehmer wird den Tarifparteien zugeschoben. "Tatsächlich sind die Lohnabschlüsse hinter der Preisentwicklung zurück geblieben", heißt es aus der Behörde von Arbeitsminister Franz Müntefering.

Die gefühlte Abzocke bei den Löhnen ist scheinbar keine Einbildung verwirrter Steuerzahler. Wird der Zuwachs bei den Nettolöhnen mit der Inflationsrate verrechnet, legt der durchschnittliche Arbeitnehmer jedes Jahr drauf. Zudem sind die Unternehmen immer geiziger, was Sonderleistungen angeht. Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld oder gar ein vierzehntes Monatsgehalt. In manchen Branchen kennen Berufsstarter diese Begriffe nur noch aus dem Lexikon.

"Einführung von Mindestlöhnen unabdingbar"

Das Bundesministerium für Arbeit nutzt die Debatte im übrigen gleich zu einem politischen Statement im Sinne von Vizekanzler Müntefering: "Die Lohnentwicklung sollte wieder mehr von der guten gesamtwirtschaftlichen Entwicklung profitieren. Damit das überall auch ankommt ist die Einführung von Mindestlöhnen unabdingbar."

Nur was hilft es dem Einzelnen, der kein Weihnachtsgeld oder sonstige Wohltaten aus der Wirtschaftswunderzeit mehr bekommt? Kaum ein Arbeitnehmer würde sich der Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn verschließen. Vor allem die bürgerlichen Parteien und die Arbeitgebervertretungen stemmen sich dennoch gegen eine einheitlich gerechte Bezahlung in den niedrigen Lohngruppen. Eine politische Diskussion, fern vom Empfinden des durchschnittlichen Steuerzahlers also.

Der nächste Abschwung kommt bestimmt

Während die Unternehmen Rekordgewinne vermelden, steigen die Einkommen nur unzureichend an. Die Wut vieler Arbeitnehmer über die Diskrepanz zwischen der Entwicklung des eigenen Einkommens und den Mega-Gewinnen der Firmen steigt jedoch mit jedem neuen Jahr. Den Arbeitnehmern ist der Unterschied nicht mehr zu vermitteln. Zumal sich die nächste Wirtschaftsflaute bereits am Horizont abzeichnet. Wann soll ein Mindestlohn denn durchgesetzt werden, wenn nicht jetzt.

Das Gefühl immer weniger Geld in der Tasche zu haben ist ganz real. Das bisschen Lohnzuwachs der letzten Jahre wird von der Inflation aufgefressen. Der Staat nimmt sich zwar seit 2005 etwas zurück, doch ein Blick auf den monatlichen Lohnzettel ist immer noch ein bitterer Moment. Die Empörung ist nachvollziehbar und berechtigt. Und beim Mindestlohn sehen es viele Bürger ganz einfach: Macht endlich!

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