Wirtschaft : Einmaleins aus Singapur

Die Rechenfähigkeit amerikanischer Schüler lässt nach – jetzt werden asiatische Schulbücher importiert

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Von Chris Prystay Vor rund fünf Jahren kam ein Mathematiktest in Bundesstaat Massachusetts zu einem unschönen Ergebnis: Die Rechenfähigkeiten der Schüler nahmen beim Wechsel von der vierten in die fünfte und später in die sechste Klasse stark ab. Der Bildungsbeauftragte des USBundesstaates, David Driscoll, war alarmiert. Und machte einen ungewöhnlichen Vorschlag: das Mathematik-Curriculum aus Singapur zu importieren. Immerhin gehören Singapurs Schüler international zu den besten.

David Driscoll setzt nicht als einziger Amerikaner seine Hoffnung auf Asien. Etwa 200 Schulen in ganz Amerika – von ländlichen Regionen in Oklahoma bis zu Großstädten in New Jersey – unterrichten nun Mathematik nach asiatischer Art. Der Know-how-Import ist erfolgreich, wie erste Erfahrungen zeigen: Viele Schüler konnten ihre Mathematiknoten verbessern. Und manch ein Kind, das früher vom Mathematikunterricht frustriert war, hat seine Meinung über das Fach inzwischen geändert.

Eine Reform des amerikanischen Mathematikunterrichts scheint unumgänglich. Die Rechenfähigkeiten amerikanischer Schüler haben erschreckend nachgelassen. „Unsere Schüler sind in Mathematik nicht so gut, wie sie sein sollten“, sagt David Driscoll, der früher selbst Mathematiklehrer war. Der heutige Bildungsbeauftragte hatte die Idee, Singapurs Schulbücher in US-Schulen einzusetzen. Mittlerweile fallen US-Schüler in Naturwissenschaften und Mathematik hinter ihre Altersgenossen in Asien zurück. Das könnte in kommenden Generationen die Verlagerung qualifizierter Arbeitsplätze ins Ausland vorantreiben.

Das Niveau des amerikanischen Mathematikunterrichts ist in den vergangenen 20 Jahren gesunken. Die Schulen hätten zu sehr auf Verständlichkeit und Spaß Wert gelegt und darüber diszipliniertes, regelmäßiges Üben, etwa des Einmaleins, vernachlässigt, kritisieren Experten. Zudem streife der Lehrplan zu viele Gebiete, ohne sie in der erforderlichen Tiefe zu behandeln.

Singapur und andere südostasiatische Länder haben einen anderen Weg beschritten: Die Schulbücher für die ersten Klassen decken nur ein Drittel der Themen ab, die in amerikanischen Schulbüchern stehen. Dafür wird die Materie sehr viel gründlicher behandelt. Außerdem verwenden Mathematiklehrer in Singapur visuelle Elemente, um abstrakte Konzepte zu veranschaulichen. Das zahlt sich aus: Kinder sind meist besser in der Lage, komplexe Probleme aufzulösen und schnell im Kopf zu rechnen.

Doch es dürfte schwierig sein, die amerikanischen Lehrpläne für den Mathematikunterricht umzukrempeln. Anders als in Singapur und anderen asiatischen Ländern gibt es in den USA kein einheitliches bundesweites Curriculum. Jeder US-Staat legt selbst die Lehrziele fest, und jeder Distrikt entscheidet darüber, wie ein Fach unterrichtet wird. Unter der Bush-Regierung hängen außerdem der Schuletat und die Zahl der Lehrerstellen davon ab, wie eine Schule bei Tests des jeweiligen Bundesstaates abschneidet. Viele Distrikte zögern daher, etwas Neues auszuprobieren – aus Angst vor schlechteren Ergebnissen in den Tests.

Davon hat sich aber eine Reihe von Schulpolitikern nicht beirren lassen. Der Bundesstaat Georgia etwa will im Rahmen einer Lehrplanreform die japanischen Mathematik-Unterrichtsmethoden übernehmen. Ein halbes Dutzend Universitäten arbeitet mit einem Lehrbuch für die Lehrerausbildung, das auf dem Mathematik-Curriculum an Singapurs Grundschulen basiert und von einem Matheprofessor der Michigan State University geschrieben wurde. Am beliebtesten sind aber die Schulbücher aus Singapur für die Grundschule, weil sie auf Englisch geschrieben sind.

Praktiziert wird der asiatische Mathematikunterricht etwa in North Middlesex, einem Distrikt im Bundesstaat Massachusetts. Bald nachdem der Bildungsbeauftragte Driscoll feststellte, wie sehr die Leistungen der Sechstklässler abnahmen, führte er die unkonventionellen Methoden ein. Im Jahr 2000 erhielt er rund 50000 Dollar Zuschüsse. Damit sollte er herausfinden, ob sich seine Schüler durch die Singapur-Methode verbessern würden. Das Ergebnis: Die Schüler aus dem Distrikt North Middlesex haben sich bei den Mathetests in Massachusetts verbessert. Die Achtklässler erzielten in diesem Jahr 75,4 Punktwerte in einem Mathematikleistungstest; vier Jahre zuvor waren es nur 63,2 gewesen.

Übersetzt und gekürzt von Christian Frobenius (EU), Matthias Petermann (Weihnachten), Tina Specht (Putin), Svenja Weidenfeld (Yachten) und Karen Wientgen (US-Schüler).

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