Wirtschaft : Einseitiger Atom-Ausstieg bringt wenig

DANIEL WETZEL

Die Debatte um den von der SPD anvisierten Ausstieg aus der Kernenergie unterschlägt einen entscheidenden Aspekt: die Liberalisierung und Marktöffnung des europäischen Strommarktes.Nach einer verbindlichen Richtlinie der EU-Kommission wird der Markt im Februar kommenden Jahres komplett freigegeben.Privatkunden können sich ihren Strom dann theoretisch in ganz Europa zusammenkaufen.Das bedeutet auch: Falls Deutschland mittelfristig aus der Kernenergie aussteigt, können sich große deutsche Industriebetriebe und Wohnungsbaugesellschaften von billigen ausländischen Atom-Meilern beliefern lassen.Vor allem der westliche Nachbar ist mit einem Atomstrom-Anteil von fast 80 Prozent auch gleichzeitig einer der größten Stromexporteure: "Wenn die Kunden freie Wahl haben, läuft ohnehin alles auf Frankreich zu", sagt Uwe Kirsche, Sprecher der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW).Die Deutschen hätten mit dem nationalen Ausstieg nicht viel gewonnen.

Bereits jetzt ist transnationaler Stromhandel im geringem Umfang üblich: Stromkonzerne fangen auf diese Weise saisonale Nachfragespitzen auf.Aus Frankreich etwa fließen pro Jahr mehr als fünf Mrd.Kilowattstunden nach Deutschland - das meiste davon dürfte Atomstrom sein.Unklar ist zudem, ob dann auch die mit der EU assoziierten Staaten Osteuropas ihre Kernenergie in den Westen liefern dürfen.

Die Voraussetzungen sind jedenfalls geschaffen: "Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei sind an das Netz der Union der Westeuropäischen Stromproduzenten angeschlossen", sagt VDEW-Sprecher Kirsche.Steigt Deutschland einseitig aus der Kernenergie aus, könnten sich die Verbraucher - womöglich in bestem Einvernehmen mit EU-Recht - aus den sicherheitstechnisch zweifelhaften Atommeilern Osteuropas bedienen.Neben umwelt- und sicherheitstechnischen Aspekten dürfte auch die Debatte um die Wirtschaftlichkeit hochkochen.Was wird der Ausstieg kosten? Die Vorinvestitionen wären wohl verloren: Nach Zahlen des Fraunhofer-Instituts verschlang die friedliche Nutzung der Kernenergie zwischen 1974 und 1995 fast 40 Mrd.DM an Steuergeldern.Zusätzlich wurden die Erforschung der Kernfusion mit 3,2 Mrd.DM von der öffentlichen Hand subventioniert.

Seit nunmehr zehn Jahren ist die Kernenergie die wichtigste Energiequelle für Deutschland: Die 19 deutschen Kernkraftwerke mit ihren 38 000 Mitarbeitern produzieren rund 34 Prozent des hierzulande verbrauchten Stroms.Allerdings ist davon auszugehen, daß die wirtschaftlichen Aspekte des Ausstiegs hinter der Sicherheits- und Umweltpolitik zurückstehen durften.Seit der Auseinandersetzung um die strahlenden Castor-Behälter hat die deutsche Atomwirtschaft an Glaubwürdigkeit verloren.

Immerhin ist ein kurzfristiger Ausstieg aus der Atomenergie unter Klima-Aspekten offenbar möglich: Ein Atomausstieg bis zum Jahr 2005 ohne Ausfälle in der deutschen Stromversorgung sei möglich, heißt es in einer Studie des Wuppertaler Instituts für Klimaforschung.Mit einer flankierenden Klimaschutzpolitik werde ein Ausstieg nicht zu einem Anstieg schädlicher Kohlendioxid-Emmissionen führen.

Dabei setzen die Autoren voraus, daß es möglich wäre, die Leistung der deutschen Atomkraftwerke bis 2002 etwa zu halbieren und bis 2005 auf Null zurückzufahren.Berücksichtige man die ohnehin geplanten Kraftwerksneubauten und Überkapazitäten, werde unter dem Strich nur eine zusätzliche Kraftwerksleistung von rund 3300 Megawatt benötigt, um eine sichere Stromversorgung zu gewährleisten.Dies entspreche der Kapazität von drei bis vier Kohlekraftwerken oder von sechs bis acht Gaskraftwerken.Ohne flankierende Maßnahmen würde dies zu einem Anstieg des Kohlendioxid-Ausstoßes um 104 Mill.Tonnen oder 37 Prozent führen.Die Wissenschaftler schlagen deshalb vor, einen Atomausstieg durch den stärkeren Einsatz stromsparender Geräte und Technik zu begleiten.Dadurch lasse sich der Kohlendioxid- Ausstoß schon um mehr als 90 Mill.Tonnen reduzieren.

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