Wirtschaft : EinVolkswagen aus Bosnien

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Von Gemma Pörzgen, Belgrad

Es sollte ein Signal für die gesamte Region des früheren Jugoslawiens sein: Seit Anfang Juli baut Volkswagen wieder den Golf in Bosnien. Doch die Symbolkraft des deutschen Engagements ist größer als die effektive Hilfe für die bosnische Wirtschaft. Sieben Jahre nach Kriegsende ist klar: Die Wirtschaft Bosniens ist nach wie vor auf massive Hilfe angewiesen. Und auch die Automanager sind realistischer geworden.

Noch 1998, als Volkswagen sein kriegszerstörtes Werk in Vogosca wieder in Betrieb nahm, war viel von Pioniertat und Schrittmachern die Rede. VW-Chef Ferdinand Piëch stellte 1200 Arbeitsplätze in Aussicht. Jahr für Jahr sollten 5000 bis 10 000 Skoda aus Einzelteilen zusammengebaut werden. Das neue Werk hoffte auf Absatz in der ganzen Region. Hatten doch hier vor dem Bosnien-Krieg rund 3500 Arbeiter insgesamt etwa 350 000 Fahrzeuge aller VW-Marken produziert.

Heute arbeiten in dem Vorort der bosnischen Hauptstadt Sarajevo rund hundert Beschäftigte bei VW. „Die Erwartungen der Menschen sind größer als das, was umsetzbar ist", räumt Werkschef Wolfgang Wenzel ein. Mit dem Zug wurden vergangenes Jahr etwa 3000 fast fertig montierte Skoda aus dem tschechischen Werk nach Vogosca transportiert und fertig zusammengebaut. Auf diesem Weg spart VW Einfuhrzölle und Steuern. „Wir erwarten, dass 800 bis 1000 Golf-Fahrzeuge jährlich dazukommen“, sagt Wenzel. Als zweites Standbein baut das Werk die Fertigung von Saugrohren für den deutschen Konzern aus. Das könnte 40 neue Arbeitsplätze bringen. Doch die Entwicklungsmöglichkeiten blieben bis auf weiteres begrenzt. Das Problem sei, dass es keinen einheitlichen Wirtschaftsraum gebe, der bosnische Markt mit nur vier Millionen Einwohnern zu klein sei und sich der Weiterverkauf in der Region angesichts der Zollbarrieren nicht lohne, betont Wenzel. „Wir würden gerne mehr verkaufen", sagt Wenzel und hofft auf eine Freihandelszone.

Die Schaffung einer Freihandelszone gehört zu den Prioritäten des Stabilitätspaktes für Südosteuropa. Bis zum Jahresende sollen 21 Einzelabkommen zwischen den meisten Nachfolgestaaten Ex-Jugoslawiens, aber auch den Nachbarn Albanien, Bulgarien, Rumänien und Moldawien unterzeichnet werden. „Das Netz der Abkommen untereinander ist wichtig vor allem für industrielle Investoren, die der Region bislang fehlen", sagt Martin Knapp, Beauftragter der deutschen Wirtschaft für den südwestlichen Balkan. „Denn jedes Land für sich genommen ist als Markt zu klein für größere industrielle Investitionen." Mit dem Zerfall des früheren Jugoslawien 1991 hatten die Nachfolgestaaten auch den gemeinsamen Markt verloren. Die folgenden Balkan-Kriege zerstörten vor allem Bosnien und weite Teile Kroatiens, ruinierten aber die Wirtschaftskraft der ganzen Region. Nur das kleinste Land Slowenien zeigt seither eine stabile Entwicklung.

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