Wirtschaft : Einzelhandel: "Geschnitten geht nicht"

Olaf S,ermeyer

Potsdamer Platz: Drei Fahrradboten pendeln emsig zwischen den Gebäuden der großen Dienstleister. Vorbei am roten Verdi-Bau und dem gläsernen Bahn-Tower. Pralle Einkaufstüten und volle Linienbusse bestimmen das Bild. Sieht so die Hauptstadt der Service-Wüste Deutschland aus?

Ein paar Schritte vorwärts leuchtet Tchibo. Gelb und warm. Der Service-Mann hinter der Bar ist blond und strahlt: Die Frage nach der Tchibo-Riester-Rente hat er nicht erwartet, aber er antwortet: "Die gibt es im Tchibo-Shop in den Arkaden, gleich hier um die Ecke." Der Weg in die Potsdamer-Platz-Arkaden führt die Treppe hinunter zur S-Bahn. Vorbei an zwei Info-Säulen der Bahn. Beide außer Betrieb. Im Einkaufsparadies gibt es Tchibo, aber keine Riester-Rente. Nur ein Faltblatt und eine Telefonnummer mit der Vorwahl 0180, ein Call-Center also. Persönliches Gespräch ausgeschlossen.

Gegenüber ist Footlocker, eine Sportschuh-Kette. Wer durch die Service-Wüste will, braucht gutes Schuhwerk. Aufgabe für den Verkäufer: Dicke Socken für den Kunden, der nur dünne trägt, aber Turnschuhe anprobieren will: "Da mach ich Ihnen selbstverständlich ein neues Paket Sportsocken auf." Danke, passen gut. Den Kinder-Anorak bei H&M kann der Kunde binnen zweier Wochen gegen das Geld zurück geben. Cash für Cash. Überweisung für Überweisung. So auch bei Esprit und im WE Store gegenüber. Was denn nun sei, wenn die ausgesuchte Anzug-Hose schlicht zu lang ist? "Für sieben Euro 67 macht unser Schneider die kürzer", weiß die aufmerksame Verkäuferin. Und auch, wann der Schneider kommt. Dreimal die Woche: In zwei Tagen ist die Hose kurz.

Eine prompte Antwort auf die Frage des Kunden hat auch der CD-Verkäufer bei Saturn: "Paco di Lucia, der Flamenco-Gitarrist? Ich komme sofort und suche ihn raus." Er kommt und findet die Platte sofort. Reinhören ist auch kein Problem. Weiter zur Post mit einem unfrankierten Brief, dessen Gewicht niemand kennt. Wieder kein Problem: Von der Post gewogen, von der Post frankiert und dann von der Post abgeschickt. Service in blau-gelb. Ist das ganze Gerede von der Dienstleistungs-Wüste kalter Kaffee? Tee-Haak führt über 300 lose Teesorten. Aber nicht zum Probieren. Doch wer weiß, ob die Sorte Wintertraum kein Albtraum ist?

Service hat seinen Preis

Bei der Haselhorster Bäckerei in der Schlemmer-Ecke liegt eine Mühlenkruste im Regal, ganze 1000 Gramm am Stück: "Geschnitten geht nicht", heißt die mehltrockene Antwort der Verkäuferin. Raus aus den Arkaden. Ortswechsel: Unter den Linden, vorm Café Einstein, wo es keinen Fahrradständer gibt. Klar, der Kanzler kommt immer im Kanzlermobil. Erstmal kommt der Kellner nach einer Minute. Nach fünf Minuten der Tee. Assam, wie bestellt. Natürlich mit Süßstoff, wie angefragt. Auch die Streichölzer werden mitgeliefert. Die Wartezeit ist zu kurz: 15 der 16 verschiedenen Tageszeitungen bleiben ungelesen. Dann kommt die Rechnung: Ganze vier Euro 50 werden verlangt. Es war ein Kännchen, und die Milch kam lose. Service hat seinen Preis.

Wilhelmstraße. Beim Deutschen Bundestag gibt es mit Essanelle den auf jeden Fall ersten börsennotierten Frisör in der Republik. Auf keinen Fall gibt es eine Rasur, schon gar nicht nass. Statt des Gesichts kann Mann sich bei diesem Frisör die Hemden glätten lassen: "Bis 10 Uhr gebracht, bis 16 Uhr gemacht." Gewaschen und gebügelt für zwei Euro. Eine echte Service-Leistung. Per Drahtesel zum Bahnhof Friedrichstraße, Fahrradstation: Verkauf, Verleih und Reparatur. Die Kette braucht Öl und der Hinterreifen Luft. Ohne Bezahlung wird hier geholfen.

Um die Ecke zu Dussmann. Früher ein Buchladen heute ein Kulturkaufhaus, das von zehn bis 22 Uhr öffnet: "Natürlich können Sie Bücher auch zur Ansicht bestellen, vorausgesetzt das einzelne kostet mehr als elf Euro. Sonst nehmen die Verlage das Buch nicht zurück." Damit der Kunde mal in das Zellophan verpackte Buch reinschauen kann, packt der Verkäufer es gerne aus und bietet an, man möge es sich doch im ledernen Lesesessel bequem machen. Ganz unverbindlich. Lesebrillen gibt es in der Ausleihe. Bei Dussmann ist der Kunde König.

Ist er das auch bei Kaisers? Als Party-König braucht man einen vollen Warenkorb. Am besten gleich nach Hause gebracht: Bier, Sekt, Knabbereien. Es gibt einen Katalog für die Warenbestellung per Telefon. "Wenn es mal nur ein paar Kästen Bier sind, dann bring ich Ihnen die auch gerne um die Ecke", sagt der Mann im roten Pullover zwischen den grünen Gemüsekörben.

Fünf vor acht ist abends im Extra Supermarkt an der Schönhauser Allee fünf vor zwölf. Die Käsetheke ist leergeräumt, das Gemüse auf dem Weg ins Lager und eine Verkäuferin im weißen Kittel und im Laufschritt hinter den letzten Kunden her: "Sehen Sie zu, dass Sie zur Kasse kommen, wir haben Feierabend." Berlin ist eine Service-Oase. Mit Trockenstellen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar