Wirtschaft : Einzelhandel in der Krise

CAY DOBBERKE

Zuviel Fläche für zuwenig KaufkraftVON CAY DOBBERKE

Auf den ersten Blick scheinen rosige Zeiten für die Kunden desEinzelhandels in Berlin und seinem Umland bevorzustehen: Immer mehrEinzelhandelsflächen verschärfen die Konkurrenz und damit den Preiskampf.Allein die Flächen, die bis 2000 in Berlin geplant sind, "werden einerKaufkraft entsprechen, die wir erst nach dem Jahr 2010 erwarten", schätztNils Busch-Petersen vom Berliner Einzelhandelsverband.Daß sich dieKäufer tatsächlich auf eine enorme Auswahl zu Niedrigstpreisen freuenkönnen, bezweifelt Busch-Petersen jedoch.Vielmehr dürften "Breite undVielfalt verlorengehen", weil kleineren Geschäften durch dieGroßkonkurrenz das Aus drohe.Von Ende 1991 bis Ende 1996 gab es in Berlinbereits einen Zuwachs von 2,6 Mill.auf mehr als drei Mill.QuadratmeterHandelsfläche; bis zum Jahr 2000 dürfte die Zahl auf 3,9 Mill.Quadratmeter steigen - 600 000 zuviel, wie der Einzelhandelsverband meint.Innerhalb Berlins entstehen neue Einkaufszentren vor allem in denöstlichen Randbezirken Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen, dieeine hohe Bevölkerungsdichte und zugleich eine noch schlechteHandelsstruktur haben.So eröffneten in Marzahn in den letzten zwei Jahrendas "Carree Marzahn", die "Park-Arkaden", das "Havemann Center", die"Ahrensfelder Passagen", die "Springpfuhl-Passagen", das "Tal"-Center unddas Bau-Fachmarktzentrum "Märkische Spitze"; weitere Handelsflächensollen im künftigen Stadtteil "Landsberger Tor" und dem geplantenGewerbezentrum "Marzahner Promenade" hinzukommen.Bezirkspolitiker wie derMarzahner CDU-Baustadtrat Wilfried Nünthel sehen darin die Chance,"verlorengegangene Kaufkraft zurückzugewinnen, die jetzt in dieGroßmärkte des Umlands fließt". Auf der "Grünen Wiese" im Bereich desBerliner Rings dürfen gemäß einer Vereinbarung der Landesregierungen vonBerlin und Brandenburg nicht mehr als elf Einkaufszentren entstehen.Diegrößten bisher fertiggestellten Einkaufstempel liegen südlich der Stadt:Das "A 10-Center" in Wildau (70 000 Quadratmeter Verkaufsfläche) und dasEinkaufszentrum Waltersdorf (93 000 Quadratmeter).Am umstrittensten warder "KaufPark Eiche" am östlichen Stadtrand: Die brandenburgische Gemeindegenehmigte den Großmarkt mit 45 000 Quadratmetern trotz scharfer Protesteaus dem angrenzenden Bezirk Hellersdorf.Als Folge schloß kürzlichbereits der Hertie-Konzern sein Hellersdorfer Kaufhaus.BrandenburgsStädte haben vergleichbare Probleme: 70 Prozent des Einzelhandelsumsatzesfließen nach Erkenntnissen des Brandenburger Einzelhandelsverbands (EHV)in Einkaufszentren auf der "Grünen Wiese". Potsdam allerdings hat seitkurzem mit dem "Stern-Center" einen innerstädtischen Großmarkt.Auf 35000 Quadratmetern haben sich dort rund 80 Einzelhändler und ein DutzendGroßmärkte angesiedelt.Wegen der Konkurrenz im Umland "werden dieUmsätze im Berliner Einzelhandel nur insoweit wachsen, als Touristenverstärkt zum Einkaufen angelockt werden", heißt es in der jüngstenAnalyse der Forschungsstelle für den Handel (FfH).Das Wachstum werde sichjedoch im wesentlichen auf die City-Bereiche beschränken.Für dieHändler am Kudamm und Umgebung sieht die Vorsitzende derHändlergemeinschaft AG City, Manuela Remus-Wölffling, wenig Grund zurSorge.Weil für die Kunden "am Kudamm nicht nur Versorgungs-, sondernErlebniskaufen" möglich sei, werde sich der Boulevard auch künftig gegenGroßmärkte im Umland behaupten. Die Frage, ob die Friedrichstraße derwestlichen City den Rang ablaufen könnte, beschäftigt die Beteiligtenweit weniger.Remus-Wölffling hält diesen Konkurrenzkampf für "eineErfindung der Medien"; Handelsverbands-Chef Busch-Petersen spricht schlichtvon "Quatsch": "Kudamm und Tauentzien bleiben der stärkste Standort." DieForschungsstelle für den Handel nimmt an, daß vom Jahr 2000 die City-Ostan Bedeutung zunimmt, prophezeit aber ebenfalls, daß der Kudamm seine"dominierende Stellung" behalte.Dafür sprächen unter anderem dieErweiterungen von Peek & Cloppenburg und des KaDeWe.Insgesamt werde manBerlin "auch in Zukunft nicht als Einkaufsmetropole von internationalemRang bezeichnen können", bilanziert die Forschungsstelle für den Handel.Einen Umsatzanstieg durch die neuen Ladenöffnungszeiten gibt esanscheinend weder in Berlin noch in Brandenburg.Die längere Verkaufszeit"hat bisher noch keinem etwas gebracht", heißt es beim Verband.

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