Einzelhandel und Kfz-Handwerk : Die Azubis von heute wählen die Berufe von gestern

Das Ranking der fünf am stärksten nachgefragten Ausbildungsberufe hat sich seit Jahren kaum verändert. Jugendliche favorisieren immer noch den Einzelhandel, das Kfz-Handwerk und den kaufmännischen Bereich.

Angie Pohlers
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Sie sollen Einkauf und Lagerung organisieren, Nachfrage erkennen und vor allem gut verkaufen: Mehr als 31 000 junge Leute haben im vergangenen Jahr einen Ausbildungsvertrag als Kaufmann oder Kauffrau im Einzelhandel abgeschlossen. Nach den jüngsten Angaben des Statistischen Bundesamtes steht der Beruf damit in der Gunst der deutschen Jugendlichen weiterhin ganz oben.

Ebenfalls beliebt sind Ausbildungen zum Verkäufer, Kfz-Mechatroniker, Industriekaufmann oder zum Bürokaufmann. Das Ranking der fünf am stärksten gefragten Ausbildungsberufe hat sich demnach seit neun Jahren kaum verändert. Etwa ein Fünftel aller neuen Verträge wurde für diese Berufe abgeschlossen. Insgesamt wurden 2013 fast 526 000 Lehrverträge unterschrieben, was einem Rückgang von rund vier Prozent gegenüber 2012 entspricht.

Doch die Ausbildungsberufe sind nicht bei allen Geschlechtern gleich beliebt: Während junge Frauen vor allem als Kauffrauen im Einzelhandel ins Berufsleben starten wollen, kommt diese Wahl für die Männer erst an zweiter Stelle. Bei ihnen ist Kfz-Mechatronik nach Angaben der Statistiker nach wie vor der am häufigsten gewählte Ausbildungszweig. Was man erlernt, hängt außerdem oft von den Schulleistungen ab. Abgänger ohne Hauptschulabschluss landen häufig im Verkauf oder im Gartenbau. Abiturienten werden eher Industrie- oder Bankkaufleute.

Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge sinkt

So wie die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge auf Bundesebene sank, nahm sie auch in Berlin ab. Nicht einmal 16 200 Vereinbarungen wurden im vergangenen Jahr unterschrieben, ein Jahr zuvor waren es noch mehr als 17 800. Das passt zu den Zahlen der Arbeitsagenturen und Jobcenter: Demnach nimmt die Zahl der Ausbildungsplatzsuchenden kontinuierlich ab. Im gerade abgeschlossenen Ausbildungsjahr wandten sich rund fünf Prozent weniger Jugendliche an die Beratungsstellen als im Vorjahr. Ihnen standen rund 12 000 gemeldete Ausbildungsstellen zur Verfügung, von denen bis September nur fünf Prozent noch nicht besetzt waren.

Die häufigsten Ausbildungsberufe.
Die häufigsten Ausbildungsberufe.Grafik: Tsp/Pieper-Meyer

Den Rückgang bei der Ausbildungsplatznachfrage erklärt sich die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin mit der demografischen Entwicklung, aber auch mit dem Trend zum akademischen Werdegang. „Gerade bei uns gehen viele Landeskinder an die Universitäten“, sagte IHK-Ausbildungsexpertin Petra Struve-Mardones dem Tagesspiegel. Es zeige sich aber, dass längst nicht jeder für den Vorlesungssaal geeignet sei – viele versuchten es erst an der Uni und suchten dann später mit abgebrochenem Studium eine Ausbildung. Für mehr und mehr Jugendliche laute die Devise mittlerweile auch: „Nach der Schule ist vor der Schule.“ Sie meldeten sich an Berufsfachschulen an und lernten dort ohne festen Ausbildungsbetrieb. Immer beliebter würden in der Hauptstadt Medienberufe. Doch nach wie vor beginnen auch in Berlin die meisten Schüler eine Ausbildung als Kaufleute im Einzelhandel. „Sie gehen besonders gern zu großen Ketten, die sie mögen“, sagte Struve-Mardones.

Umdenken in Sachen Schulnoten

Betriebe, die Auszubildende suchen, müssten für die Jugendlichen attraktiv sein. Dabei gehe es nicht nur darum, den Lehrlingen zum Beispiel kostenlose Handys zur Verfügung zu stellen, „sondern besonders um Karriere- und Aufstiegschancen“. Auch habe ein Umdenken in Sachen Schulnoten eingesetzt. Das Abschlusszeugnis sei nicht allein ausschlaggebend für eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. „Nach unseren Umfragen erachten dreißig Prozent der Unternehmen soziale Kompetenzen als wichtiger.“ Wissenslücken könnten oft mit Förderprogrammen ausgeglichen werden.

Für Jugendliche lohne sich ein Blick über den Tellerrand, denn ständig würden neue Ausbildungsberufe angeboten, betonte Petra Struve-Mardones. Zum Beispiel der Beruf des Produktionstechnologen, der industrielle Prozesse steuert und überwacht. „Das wird gerade im Zuge der industriellen Digitalisierung sehr wichtig.“

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