Einzelhandelspräsident Josef Sanktjohanser : "Lasst den Leuten das Geld"

Josef Sanktjohanser, Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, über das neue Konjunkturpaket, die Konsumlust der Deutschen und Tarifkompromisse.

Josef Sanktjohanser
Josef Sanktjohanser. -Foto: dpa

Herr Sanktjohanser, am heutigen Mittwoch legt die Gesellschaft für Konsumforschung ihre neue Konsumklimastudie vor. Im Dezember gab es für viele überraschend keinen Einbruch. Könnte sich das im Januar ändern?



Trotz der schwierigen Lage sind wir verhalten optimistisch. Die Pessimisten haben auf jeden Fall nicht recht behalten, die das Weihnachtsgeschäft schon abgeschrieben hatten. Der Konsum hat sich auch im Januar auf stabilem Niveau bewegt. Das macht uns auch für die nächsten Monate zuversichtlich. Der private Konsum könnte die Konjunktur vor dem ganz tiefen Tal bewahren.

"Der wirtschaftliche Abschwung ist stärker und weltweit umfassender, als wir das erwartet haben", befürchtet Bundesbankpräsident Axel Weber. Macht Ihnen das gar keine Angst?

Nicht, was den Konsum angeht. Wir haben zurzeit eine Inflationsrate um ein Prozent, was vor allem auf die Entspannung an den Rohstoffmärkten zurückgeht. Und wir haben einen harten Wettbewerb, von dem die Verbraucher über niedrigere Preise profitieren. Auf der anderen Seite sind die verfügbaren Einkommen gestiegen, auch durch die Rückkehr zur alten Pendlerpauschale gibt es weitere Entlastungen. Ich bin daher eher optimistisch, dass der private Konsum stabil bleibt.

Müssen Sie wohl auch als oberster Branchenvertreter. Andererseits sparen die Deutschen schon jetzt 11,4 Prozent ihres Einkommens, das ist Rekord. Könnten Verbraucher nicht auf die Idee kommen, aus Sorge um die Zukunft künftig noch mehr Geld in den Strumpf zu stecken?

Wir merken, dass angesichts der Rezession die Kunden, die ohnehin schon preissensibel waren, noch vorsichtiger werden. Und auch die Buchungsraten in der Reisebranche liegen zum Jahresbeginn leicht unter dem Vorjahr, weil viele Leute in Zeiten der Krise lieber zu Hause bleiben. Die Entwicklung beim Sparen müssen Sie vor dem Hintergrund des erreichten hohen Sparvolumens sehen. Irgendwann ist Schluss.

Wagen Sie schon eine Prognose für das Gesamtjahr?

Die geben wir erst nächste Woche heraus, wenn auch die offiziellen Umsatzzahlen für 2008 vorliegen.

Der Einzelhandel hat sich sehr kritisch zum Konjunkturpaket II der Bundesregierung geäußert. Weil das der falsche Weg ist, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen?

Die vielen Milliarden, die die Regierung spendiert, werden zu breit gestreut. Wir sind der Meinung, dass keine Geschenke verteilt werden sollten, an niemanden. Statt einzelne Branchen zu fördern oder 100 Euro Kinderbonus zu zahlen, die in der Wirkung verpuffen, sollte die Regierung lieber die Einkommensteuer- und Sozialversicherungstarife senken und dauerhaft stabilisieren, und so für alle Bürger zu einer mittel- und langfristig kalkulierbaren Größe machen. In anderen Worten: Lasst den Leuten das Geld - die wissen schon, was sie damit machen.

Die Leute bekommen doch bereits mehr Geld, weil vorübergehend die Sozialversicherungsbeiträge abgesenkt werden. Freut das den Handel denn gar nicht?

Noch mal: Jetzt Strohfeuer zu zünden, bringt nichts. Wir wollen eine dauerhafte Stärkung des Konsums. Die Weichenstellungen hierzu können kurzfristig gestellt werden. Es ist schade, dass die Wirtschaft hier nicht mit einer Stimme spricht und die Politik Brancheninteressen bedient.

Könnte es sein, dass Sie einfach neidisch sind, weil die Einzelhändler bisher nicht in den Genuss von Staatshilfen gekommen sind?

Ich bin aus Prinzip dagegen, gutes Geld schlechten Unternehmen hinterherzuwerfen. Das gilt auch für Händler. Am Ende ist es aus marktwirtschaftlicher Sicht kein Rezept, um Strukturen dauerhaft zu stabilisieren. Die Regierung sollte sich ganz heraushalten. Die Unternehmen müssen für ihre Fehler schon selber geradestehen.

Die Regierung pumpt auch deshalb viel Geld in die Banken, um eine Kreditklemme in der Wirtschaft zu verhindern. Haben auch Handelsunternehmen schon Probleme, Geld zu bekommen?

Nein. Aber die Kredite werden teurer. Das hängt aber auch mit der Bonität der Unternehmen zusammen. Soweit ist das normal.

Erwarten Sie aufgrund der Wirtschaftskrise mehr Pleiten als in den Vorjahren?

Bei kleinen und mittleren Unternehmen ist die Gefahr natürlich groß, dass durch sinkende Umsätze, aber auch durch die neue Gewerbesteuer, die Unternehmen in der Substanz besteuert, einige Anbieter vom Markt verschwinden. Die Zahl der Insolvenzen im Einzelhandel lag bislang im Jahresschnitt bei rund 3500. In diesem Jahr könnten es bis zu 5000 sein.

Das dürfte die Konzentration im Einzelhandel beschleunigen.

Sicher. Aber auch mittelständische Fachhändler können schwierige Zeiten einfach besser wegstecken, wenn sie im Verbund organisiert sind. Unternehmen wie Edeka oder Rewe gehen nicht pleite. Einzelkämpfer haben es schwer.

Verbraucherschützer werten auch die beiden Preisrunden, die es in diesem Jahr bereits gab, als Zeichen des stärkeren Verdrängungswettbewerbs. Erwarten Sie weitere Rabattaktionen?

Ich hoffe nicht! Aber das hängt nicht nur von uns allein ab. Die niedrigen Vorstufenpreise im Großhandel haben dazu geführt, dass die Discounter Spielräume in der Kalkulation an die Kunden weitergegeben haben. Dem können sich andere Lebensmittelhändler schlecht entziehen. Die Discounter sind nun einmal die Preisführer.

Die Milchbauern werfen Ihnen vor, dass der Handel die Erzeuger durch die scharfe Preiskalkulation so unter Druck setzt, dass ihnen die Luft ausgeht. Könnten Sie recht haben?

Für Bauernpräsident Sonnleitner sind wir Turbokapitalisten, das ist klar. Wir sehen das anders: Wenn die Bauern mehr Milch produzieren, als der Markt verträgt, müssen sie sich nicht wundern, dass die Preise sinken. Wir orientieren uns am Markt. Der Versuch der Erzeuger, den Markt zu umgehen, ist im vergangenen Jahr gescheitert.

Ende März läuft der mühsam ausgehandelte Flächentarifvertrag im Einzelhandel aus. Sehen Sie in Zeiten der Wirtschaftskrise Spielraum für Gehaltserhöhungen?

Angesichts der schwierigen Ausgangssituation ist es zu früh für konkrete Aussagen. Wir werden unser Angebot zu gegebener Zeit vorlegen.

Erwarten Sie eine ähnlich zähe Auseinandersetzung wie in der vorangegangenen Tarifrunde?

Leicht wird es sicher nicht. Aber nachdem wir 2008 einen Kompromiss bei den Spätzuschlägen gefunden haben, mit dem beide Seiten einigermaßen leben können, dürfte es in diesem Jahr hoffentlich etwas zügiger vorangehen.

Das Gespräch führte Maren Peters

DER MANAGER

Josef Sanktjohanser (58) ist Vorstandsmitglied des Einzelhandelskonzerns Rewe und seit 2006 auch Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE). Schon die Eltern des im Westerwald geborenen Diplomkaufmanns hatten eine mittelständische Einzelhandelskette (Petz), die heute zu Rewe gehört.

DIE BRANCHE

2008 hat der deutsche Einzelhandel nach ersten Schätzungen 401,7 Millionen Euro umgesetzt - 1,5 Prozent mehr als 2007. Die endgültigen Zahlen veröffentlicht das Statistische Bundesamt am kommenden Montag. Dann legt auch der HDE seine Prognose 2009 vor.

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