Wirtschaft : Einzelhandelsverband will Ladenschluss lockern, Kirche plant Kampagne gegen Sonntagsarbeit

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Trotz wachsenden Drucks aus Politik und Handel wird es nach Angaben von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) auch künftig kein Einkaufen rund um die Uhr in Deutschland geben. Die am Dienstag überraschend formulierte Forderung des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE) nach einer Freigabe der Ladenöffnung an Werktagen werde nicht umgesetzt, sagte Schröder vor HDE-Delegierten in Bonn. In der Frage der Sonntags-Öffnungen begrüßte Schröder die zurückhaltende Linie der Branche: Das Festhalten am grundsätzlichen Sonntags-Ladenschluss müsse nun auch den Ländern klar gemacht werden, "die damit weniger sensibel umgehen". Die Gesetzgeber und die Betroffenen sollten sich bei der Neuregelung "Zeit für eine vernünftige Regelung nehmen" und den Ladenschluss "nicht übers Knie" brechen, mahnte Schröder. Bei der Novelle des Gesetzes gehe es "nicht um eine Einschränkung, sondern um die Freisetzung von Kreativität".

Die Kehrtwende des Einzelhandelsverbands könnte dagegen kaum größer sein. Noch vor drei Jahren, als die konservativ-liberale Bundesregierung die Öffnungszeiten von Montag bis Freitag auf 20 Uhr und am Sonnabend auf 16 Uhr verlängert hatte, gehörte der HDE zu den entschiedenen Gegnern. Zwar gab es schon damals im Verband eine Fraktion, die sich für die Liberalisierung des Ladenschlusses ausgesprochen hatte, doch durchsetzen konnte sie sich nicht. Jetzt votierte eine satte Dreiviertelmehrheit der HDE-Delegierten für die weitgehende Freigabe der Öffnungszeiten. Der HDE habe einen Quantensprung gemacht, frohlockte Verbandspräsident Hermann Franzen. Den Stab der "Betonköpfe und Hardliner" gebe man endgültig an die Gewerkschaften ab.

Der HDE hatte sich zuvor wie bereits das Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo in seinem Ladenschluss-Gutachten für eine völlige Freigabe der Öffnungszeiten an Werktagen stark gemacht. Zudem solle die Öffnung von Geschäften bundesweit an vier Sonntagen ohne besonderen Anlass möglich sein. Die Ifo-Forscher hatten in der vergangenen Woche bei der Vorlage eines Gutachtens gefordert, die Öffnungszeiten im Handel montags bis samstags ganz freizugeben und darüber hinaus zumindest die Öffnung an den vier Adventssonntagen zu erlauben. Die Entscheidung über weitere Sonn- und Feiertags-Öffnungen solle den Gemeinden obliegen.

Dagegen kündigten der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und die 24 Mitgliedskirchen eine bundesweite Kampagne gegen die Ausweitung der Sonntagsarbeit in Deutschland an. Der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Manfred Kock, sagte am Dienstag in Hannover, der Schutz des Sonntags sei bereits durch "allerlei Ausnahmeregelungen vom grundgesetzlichen Verbot der Sonntagsarbeit" ausgehöhlt worden. Innerhalb von nur sieben Jahren sei die Sonntagsarbeit um die Hälfte angestiegen. Schon jetzt arbeiteten über acht Millionen Menschen in der Bundesrepublik mehr oder weniger regelmäßig auch sonntags, viele davon im Handel.

Auf großflächigen Plakaten, in Zeitungsanzeigen, auf Aufklebern und in einem Kinospot will die Kirche die Bedeutung des Sonntags als "Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung" ins öffentliche Bewußtsein rücken. Der Sonntag als gemeinsamer arbeitsfreier Tag habe einen hohen sozialen, kulturellen und religiösen Wert, betonte Kock.

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