Wirtschaft : Eklat im Bertelsmann-Aufsichtsrat

Vorsitzender Gerd Schulte-Hillen geht nach 34 Jahren im Streit /Dieter Vogel als Nachfolger im Gespräch

-

Berli n/Hamburg (mot/usi/lip/HB). Der langjährige BertelsmannManager Gerd Schulte-Hillen hat für einen Eklat im Aufsichtsrat des Medienkonzerns gesorgt: Nach einem heftigen Streit mit Vorstandschef Gunter Thielen über die Strategie des Unternehmens trat Schulte-Hillen am späten Mittwochabend von seinem Amt zurück. Auch als Vize-Präsidiumsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung scheidet er zum Ende des Jahres aus. Der 63-jährige Schulte-Hillen verlässt Bertelsmann nach 34 Jahren.

Beobachter werten den Schritt als Entscheidung im seit Monaten anhaltenden Machtkampf zwischen dem selbstbewussten Aufsichtsratschefs und dem Bertelsmann-Mehrheitseigner, der Familie Mohn. „Das ist ein Paradigmenwechsel“, sagte ein ehemaliger Manager des Unternehmens dem Tagesspiegel. „Jetzt gibt es bei Bertelsmann nur noch Funktionsträger, keine Persönlichkeiten mehr.“ Schulte-Hillen, der Ende Oktober auch als Aufsichtsratschef von Gruner+Jahr zurückgetreten war, hatte jüngst in einem Tagesspiegel-Interview bekräftigt, er wolle weiter an der Spitze des Bertelsmann-Aufsichtsrats bleiben.

„Ich bedauere die Entwicklung sehr, die zu der Entscheidung geführt hat“, teilte Bertelsmann-Chef Thielen am Donnerstag mit, der im Streit mit seinem Aufsichtsratsvorsitzenden angeblich mit seinem eigenen Rücktritt gedroht hatte. Schulte-Hillen stehe „für partnerschaftliche Kooperation zwischen Aktionären, Management und Mitarbeitern“. Mit ihm verbinde ihn „eine langjährige freundschaftliche Beziehung“, schrieb Thielen. Bis zur Wahl eines Nachfolgers soll der Vize-Aufsichtsratschef Dieter Vogel die Leitung des Gremiums übernehmen. Ob er das Amt auf Dauer übernehmen würde, falls ihn die Familie Mohn bitte, wollte er gegenüber dem Handelsblatt nicht sagen. Vogel: „Ich gebe hierzu überhaupt keine Stellungnahme ab.“ Der ehemalige Stahlmanager gilt als Idealbesetzung. Er war bereits seit Mitte 1991 Aufsichtsratschef von Bertelsmann, bevor er 1998 das Amt an Mark Wössner abgab. Zudem genießt er das Vertrauen der Mohns.

Hinter den „unterschiedlichen Auffassungen über die strategische Ausrichtung des Unternehmens“, wie Bertelsmann den Rücktritt Schulte-Hillens offiziell begründete, steht ein erbitterter Streit zwischen dem Aufsichtsratschef auf der einen und der Mohn-Familie sowie Thielen auf der anderen Seite. Es geht vor allem um den Einfluss von Liz Mohn. Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn hatte seine Frau im Frühjahr dazu ermächtigt, die Interessen der Familie im Konzern stärker als bisher wahrzunehmen. Schulte-Hillen hatte sich gegen die wachsende Machtfülle ausgesprochen.

Eskaliert war die jüngste Auseinandersetzung an der Frage, ob Bertelsmann – wie jüngst vereinbart – sein Musikgeschäft (BMG) in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Sony Music einbringen soll. Schulte-Hillen sprach sich dem Vernehmen nach als einziger im Aufsichtsrat gegen die Fusion aus, und provozierte damit Streit mit dem Vorstand. Seine Argumente: Der Konzern gebe ein 100-Prozent-Geschäft gegen eine 50-Prozent-Beteiligung auf und veranschlage die intern kalkulierten Restrukturierungskosten mit 400 Millionen Euro viel zu niedrig.

Aufmerksam dürfte künftig auch das interne Verhältnis zwischen dem Bertelsmann-Vorstand und Gruner+Jahr (G+J), Europas größtem Verlagshaus, beobachtet werden. Schulte-Hillen hatte aus der Zeitschriften-Sparte einen zentralen Umsatzträger von Bertelsmann gemacht und den Einfluss der Jahr-Familie, die noch 25,1 Prozent an G+J hält, gewahrt. Zu neuem Streit könnte es in dem Medienkonzern kommen, wenn, wie geplant, die Bertelsmann-Druckereisparte mit der des Axel Springer-Verlags fusioniert wird. Das brächte die G+J-eigenen Druckereien in Gefahr und G+J-Vorstand Bernd Kundrun in Konflikt mit seinem Großaktionär, der Jahr-Familie. Am 28. November, heißt es, soll eine außerordentliche Gesellschafterversammlung bei G+J stattfinden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar