Elektrisch mobil : Schaufenster und Werkstatt

Als europäische Hauptstadt der Elektromobilität versucht Berlin den industriellen Neuanfang. Das Fundament ist schon gelegt. Nirgends gibt es so viele Testprojekte wie in Berlin. Teil 1 der Tagesspiegel-Serie Berlindustrie 2011.

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Elektroautos, fast an jeder Ecke. Daimler testet in Berlin zusammen mit RWE seine E-Smarts, BMW erprobt seine elektrischen Mini E mit Öko-Strom von Vattenfall.
Elektroautos, fast an jeder Ecke. Daimler testet in Berlin zusammen mit RWE seine E-Smarts, BMW erprobt seine elektrischen Mini E...Foto: Mike Wolff

Im Land der Ideen hat Berlin die originellsten Forscher. An der Freien Universität (FU) wurde Mitte Februar eine technische Erfindung präsentiert, die es erlaubt, ein Auto allein mit der Kraft der Gedanken zu steuern. Was wie Science Fiction klingt, machten Berliner Wissenschaftler wahr: Sensoren zur Messung von Gehirnströmen werden so mit einem computergesteuerten Fahrzeug verbunden, dass es die Steuerungsbefehle erkennen kann.

Das FU-Projekt hat Symbolcharakter: Beim Thema Mobilität sind Forscher und Entwickler aus Berlin gedanklich schon in der fernen Zukunft unterwegs. Das größte Potenzial für den Standort an der Spree sehen sie dabei in der Elektromobilität mit ihren Querverbindungen zu verschiedenen Verkehrsträgern, zur Energie- und IT-Wirtschaft oder zur Chemie. Insgesamt zehn Lehrstühle und Institute beschäftigen sich in Berlin direkt mit Verkehrstechnik, 19 Lehrstühle sind auf den Feldern Elektrotechnik, Elektronik sowie Energietechnik und -netze tätig.

Diese vielfältige, oft anwendungsnahe Forschung legt das Fundament für einen Neuanfang in Berlin. Berlin will zurückholen, was die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten verloren hat: Industrie.

Die Hauptstadtregion biete beste Bedingungen für Produktionskapazitäten in der elektromobilen Wertschöpfungskette – vom Motor über Elektronik bis zu Batterien, sagt Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke). „Wir wollen Versuchslabor, Werkbank und Schaufenster der Elektromobilität werden.“ Untermauert hat der Senat das mit einem Aktionsprogramm Elektromobilität. „Berlin forscht, entwickelt, produziert, bildet aus und wendet an“, heißt es darin. Das Ziel: Berlin und die gesamte Region sollen zur nationalen und europäischen „Leitregion der Elektromobilität“ ausgebaut werden. Noch in diesem Jahr will die Hauptstadt das nationale Schaufenster der Bundesregierung für die Zukunftstechnologie werden. Die Nationale Plattform Elektromobilität trifft in Kürze ihre Entscheidung.

Die Chancen stehen gut: Nirgendwo konzentrieren sich in einem Ballungsraum so viele Praxisvorhaben der Elektromobilität. Das Volumen der geförderten Projekte liegt bei 80 Millionen Euro. BMW und Daimler testen in Kooperation mit den Energieversorgern Vattenfall und RWE hier Elektroautos. In dieser Woche hat BMW die zweite Phase seines Feldversuchs mit 70 batteriebetriebenen Mini E gestartet. Mehr als 500 Ladestationen gibt es im Stadtgebiet, die Bahn hat ein Carsharing-Modell mit E-Fahrzeugen („E-Flinkster“) aufgebaut, Unternehmen wie Siemens oder die Gasag haben ihre Flotten elektrisch aufgerüstet, im städtischen Lieferverkehr werden Elektrotransporter getestet. Viele andere, kleine Projekte kommen hinzu.

Doch Berlin ist mehr als ein großer Showroom. Die Stadt will auch ein führender Hersteller von Elektromobilität werden. Motoren, Batterien, Elektronik, Software – alles soll aus Berlin kommen.

Auch hier fängt man nicht bei Null an. Mit Daimler und Continental produzieren und entwickeln zwei große Adressen der Automobil(zuliefer)industrie in der Stadt Komponenten und Antriebe für Elektrofahrzeuge. BMW erwägt, in seinem Motorradwerk in Spandau in Zukunft auch einen Elektro-Roller vom Band laufen zu lassen. Gerade erst hat der Batterieentwickler DBM Energy erneut für Schlagzeilen gesorgt: Seine 2010 für eine umstrittene 600-Kilometer-Rekordfahrt eingesetzte Batterie schlägt offenbar alle aktuellen Industriestandards.

Im Mercedes-Werk Marienfelde laufen in diesen Wochen die Vorbereitungen für die Serienfertigung eines Elektromotors auf Hochtouren. Das Aggregat soll künftig als Teil des Automatikgetriebes in Hybrid-Fahrzeugen von Mercedes zum Einsatz kommen. Der Daimler-Konzern investiert dafür 40 Millionen Euro in sein 1902 gegründetes Berliner Werk. Die Serienfertigung soll 2012 starten.

Keine Produktion, aber eine nicht weniger wichtige Entwicklungsabteilung unterhält der Autozulieferer Continental in Moabit. Alle E-Motoren, die das Unternehmen aus Hannover in der Welt verkauft, werden von den rund 280 Mitarbeitern in Berlin entwickelt und erprobt. Ab diesem Sommer beginnt Conti mit der Auslieferung von 100 000 Elektroantrieben für einen großen europäischen Autohersteller. Produziert werden sie im Conti-Werk im niedersächsischen Gifhorn. Namen nennt das Unternehmen nicht, aber in der Branche ist es kein Geheimnis, dass der Kunde Renault heißt. „In Berlin ist dieser Antrieb komplett entwickelt und erprobt worden. Wenn unser Entwicklungszentrum in Moabit das Okay gibt, gehen alle Entwicklungen von Hybrid- und Elektroantrieben von Continental in die Produktion“, erklärt Bernd Neitzel, Leiter der Geschäftseinheit Hybrid Electric Vehicle (Division Powertrain).

Im Gespräch mit dem Conti-Manager wird schnell deutlich: Berlin ist gut aufgestellt – aber den politischen Appellen müssen jetzt auch Taten folgen. Ein Standort für die Batterieproduktion wird die Hauptstadt zum Beispiel nicht von allein. Investitionen sind nötig. „Das kann teuer werden“, sagt Neitzel. Aber es lohne sich darüber nachzudenken, weil die Elektromobilität „ein riesiges Potenzial“ habe. Der Standort Berlin werde für Conti an Bedeutung gewinnen. „Wer früh dabei ist, hat einen Startvorteil.“

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