Elektrisches Motorrad : Coolness aus der Steckdose

Die Berliner Firma E-Rockit hat ein elektrisches Motorrad erfunden, das mit Muskelkraft angetrieben wird.

Henrik Mortsiefer
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Schnell und anders. Stefan Gulas, Gründer von E-Rockit, bricht mit Konventionen. Sein Bike ist nicht nur elektrisch – der Fahrer...

Berlin - Schon der erste Tritt in die Pedale erzeugt Gänsehaut. Das Zweirad schießt los, obwohl ich kaum Kraft aufwende. Zwei, drei Umdrehungen genügen, und ich bin in voller Fahrt. Jedes Sportbike würde an der Ampel neben mir alt aussehen. Lautlos und druckvoll zieht das Motorrad nach vorne. Motorrad?

Der Feuerstuhl unter mir hat keinen Gasgriff, keinen Auspuff, keinen Motor, der Sprit verbrennt. Stattdessen einen schmalen Fahrradsattel und eine Menge Lithiumionen-Nanophosphat-Akkus im Gehäuse. Das erste Zweirad, das mit Muskelkraft elektrisch angetrieben wird. Ein „Human-Hybrid“, wie der Berliner Erfinder Stefan Gulas das Gefährt nennt.

Wir treffen ihn auf einem Friedrichshainer Hinterhof, der einem Schrottplatz gleicht. Hier, zwischen Autowracks, Pfützen und Graffitis vermutet niemand ein Dutzend Tüftler, die an einem Mobilitätskonzept der Zukunft arbeiten. Doch die beiden E-Rockit-Prototypen des Human- Hybrids, die Gulas aus einem Transporter rollt, sehen tatsächlich nach Zukunft aus. Dabei sind sie straßentaugliche und TÜV-geprüfte Coolness auf zwei Crossrädern – einfach anders als alles, was man bisher durch die Stadt fahren sah.

Das Besondere: Das Zweirad der von Gulas gegründeten E-Rockit GmbH kombiniert die Bedienung eines Fahrrads mit der Leistung eines Motorrads. „Neu ist nicht der Elektromotor. Man muss sich bewegen, sonst läuft er nicht“, sagt Gulas. Dass dies trotz einer Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h so mühelos geschieht, liegt an einer cleveren Kombination von Kurbeltrieb, zwischengeschaltetem Generator und Elektromotor. „Der knapp zehn PS starke Elektromotor erzeugt ein Vielfaches der menschlichen Körperleistung“, erklärt Gulas. „Je schneller getreten wird, desto stärker treibt der Motor das Hinterrad an.“ Die Batterien haben eine Kapazität von 2,9 Kilowattstunden. Das reicht, je nach Fahrweise, für 60 bis 80 Kilometer. Danach muss der Human-Hybrid für drei bis vier Stunden an die Steckdose. Stromkosten pro 100 Kilometer: etwa ein Euro. Fahren darf man die Maschine mit einem Motorradführerschein der Klasse A1.

Die kurze Probefahrt auf der Straße hat ein Lächeln auf die Gesichter gezaubert. Das im Image-Flyer versprochene „Erlebnis scheinbar übernatürlicher Kräfte“ zeigt Wirkung. Gulas, der Selfmade-Motorradbauer, hat in den vergangenen vier Jahren zwei Vorserienmodelle entwickelt. 2009 soll eine erste Kleinserie produziert und verkauft werden. Bei einem Produkt, das kaum jemand kennt, und das derzeit pro Stück 28 900 Euro kostet, ist das keine leichte Sache. Der Human-Hybrid hat nach ein paar Medienauftritten eine kleine Fangemeinde. Zweirad-Freaks reden schon länger von der E-Rockit-Maschine. Aber der 38-jährige Gulas will die zahlende Kundschaft, die das Zweirad bekannt macht. „Es muss ein Verlangen entstehen, dass jemand dieses Lifestyleprodukt haben will“, sagt der gebürtige Österreicher. „Es soll ein ,Must-Have‘ für erfolgreiche Männer werden.“ Eine Handvoll Bestellungen hat E-Rockit in den Büchern. „Zehn, fünfzehn Bikes wollen wir dieses Jahr bauen“, sagt Gulas. Ein halbes Jahr müssen die Käufer – Unternehmer, Selbstständige, Ärzte, Anwälte – warten, bis das Bike fertig ist.

In Monaco, erzählt er, hat er neulich die Zielgruppe für seine Erfindung begeistert. „Mika Häkkinen hat unseren Human-Hybrid gefahren, und die Söhne von Roger Moore.“ Prominente Werbeträger wünscht sich Gulas. Deshalb war er neulich beim Formel-Eins-Rennen in Monte Carlo, „um uns in Stellung zu bringen“. Das hat funktioniert. Auf der Jacht eines Immobilienunternehmers aus Dubai haben die Berliner Kontakte geknüpft und Kunden kennengelernt. „Das war eine Bestätigung für unser Ziel, nicht nur Schaum zu schlagen“, sagt Gulas.

Die Initialzündung für das E-Bike gab es 2004, als er in einem Berliner Fahrradladen ein „langweiliges Elektrofahrrad“ sah, das von einem schwachen Motörchen angetrieben wurde. „Das wollte ich besser machen“, sagt Gulas. Schneller, schöner und anders. Wir sitzen in seinem chaotischen Hinterhof-„Büro“ zwischen angebissenen Wurststullen, Papieren und Laptops. Draußen kreischt die Metallfräse. An die Spree kam der studierte Bergbauingenieur 2002 als Angestellter der Geschäftskundensparte der Telekom, T-Systems. Vorher hatte er als McKinsey-Berater gearbeitet und in den USA ein IT-Start-up in den Sand gesetzt. Bei der Telekom hielt es ihn auch nicht am Schreibtisch. Parallel sammelte er Tüftler um sich, die mit der Entwicklung des Elektro-Zweirads begannen. 2006 wurde die E-Rockit GmbH gegründet. Das Kapital stammt aus Eigenmitteln und von „Family & Friends“, wie Gulas sagt. Zwölf Mitarbeiter hat das Unternehmen heute.

„Handcrafted in Berlin“ – von Hand gemachte Bikes – so wirbt E-Rockit um die Kundschaft. Es wird großen Wert auf Qualität und Präzision gelegt. Zuletzt wurde der Friedrichshainer Hinterhof zum Rennstall: Für das Tourist-Trophy- Rennen auf der Isle of Man hat E-Rockit eine elektrische Rennmaschine gebaut. Am kommenden Freitag treten auf der Insel erstmals auch elektrisch angetriebene Motorräder an. „Wir müssen gewinnen“, sagt Gulas. „Wir werden gewinnen.“

Die großen Ambitionen und das einzigartige Antriebskonzept haben auch das Interesse etablierter Motorradhersteller geweckt. „Wir sprechen miteinander – auf Vorstandsebene.“ Namen nennt Gulas nicht. Eine Option wäre für ihn, das Zweiradkonzept zu verkaufen. An neuen Ideen mangelt es nicht. Human-Hybride könnten im Prinzip auf jedes Fahrzeug übertragen werden, sagt der E-Rockit- Chef. „Ich habe schon ein Patent auf ein elektrisches Ruderboot“, deutet er an. Aber das ist wirklich Zukunftsmusik.

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