Elektroautos : Die neue E-Klasse

Hohe Treibstoffpreise lösen einen Technologieschub aus. Das Elektroauto wird zu einer echten Perspektive - in Zukunft sollen zum Beispiel Batterien innerhalb weniger Minuten ausgewechselt werden können.

Moritz Döbler,Stefan Kaiser

Berlin - Vor dem Krisengipfel am Sonntag im saudi-arabischen Dschidda drängen die Industriestaaten die Erdöl produzierenden Länder zu höheren Fördermengen, doch ohne absehbaren Erfolg. Saudi-Arabien ist als einziger Opec-Staat dafür. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU), der nach Dschidda reist, setzt nun „auf eine noch engere Zusammenarbeit zwischen Förder- und Verbrauchsländern“. Es geht um viel. „Der Ölpreisanstieg bedeutet einen Wohlfahrtstransfer von Öl importierenden zu Öl exportierenden Ländern. Damit sind kräftige Auswirkungen auf die Weltwirtschaft verbunden“, sagte Glos am Freitag. Neben der Nachfrage sei der rein spekulative Handel eine wichtige Ursache.

Klaus Martini, Leiter der globalen Anlagestrategie bei der Deutschen Bank, sieht das anders. „Das ist vor allem Nachfrage und wenig Spekulation“, sagte er in Berlin. Versorgungssicherheit werde zum Streitthema der Welt. Doch habe das hohe Preisniveau auch positive Aspekte. So werde jetzt stärker auf Effizienz geachtet und in neue Technologien investiert.

In der Tat macht hier die Automobilindustrie große Fortschritte. Der Vorsprung von Toyota bei der Hybridtechnologie – Benziner, ergänzt durch Elektromotoren – schwindet. Fast alle deutschen Hersteller planen Hybridmodelle, und 2010 will Daimler den kleinen Zweisitzer Smart und einen Mercedes mit reinen Elektroantrieben auf den Markt bringen. Auch bei den Batterien, die für solche Antriebe nötig sind, tut sich viel. Der Zulieferer Bosch hat gerade eine Partnerschaft mit der koreanischen Samsung bei der Produktion von Lithium-Ionen-Batterien bekanntgegeben, um Continental und anderen Konkurrenten die Stirn zu bieten.

Noch fehlt allerdings die Infrastruktur für reine Elektrofahrzeuge, und in diese Lücke will der frühere Technologievorstand des deutschen Softwareherstellers SAP, Shai Agassi, stoßen. Sein „Project Better Place“ mit Sitz in Kalifornien plant in Israel ein Netz von 500 000 Ladestationen, um die flächendeckende Nutzung von Elektrofahrzeugen zu ermöglichen. Dänemark soll das nächste Land sein.

Als er sein Konzept am Donnerstag beim CDU-Wirtschaftstag in Berlin vor Hunderten von Unternehmern erläuterte, stieß er auf große Zustimmung. Auch Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), saß im Publikum und zeigt sich angetan (siehe Interview).

Agassi setzt auf ein Geschäftsmodell, das den Handy-Verträgen von heute ähnelt: Für das Auto selbst zahlt der Kunde relativ wenig oder sogar nichts, aber für die Nutzung. Neben den Ladestationen, die wie Parkuhren aussehen sollen, soll es Batteriewechselstationen geben, um längere Strecken zu ermöglichen. „Wenn Sie weiter als 200 Kilometer am Stück fahren müssen, dann wechseln wir Ihre Batterie innerhalb von einer Minute. Und wenn Sie noch zwei Minuten Zeit haben, verkaufen wir Ihnen noch etwas zu trinken und ein Sandwich“, sagte Agassi den Unternehmern in Berlin.

Eine irreale Vorstellung? „In der Formel 1 können sie innerhalb von sieben Sekunden alle Teile wechseln. Wenn Ihnen ein Autohersteller sagt, man könne die Batterie nicht in einer Minute wechseln, dann fragen Sie noch mal.“ Auf der Suche nach einem Autohersteller als Partner ist Agassi indes nicht in Deutschland fündig geworden, sondern bei Renault-Nissan.

Seine Grundthese lautet, dass Erdölverbrauch und Mobilität entkoppelt werden müssen, um die Industriegesellschaft zu erhalten. Damit steuere Agassi „auf jeden Fall in die richtige Richtung“, sagte die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, dem Tagesspiegel. „Es geht darum, am Ende wegzukommen von fossiler Energie. Da kann jede Technik recht sein. Darum hat jeder Tüftler meine größte Bewunderung.“

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