Elektromesse : Branche wirbt mit Autovisionen für die Steckdose

Hersteller für Stromtankstellen, Batterien und Autos erstmals unter einem Dach - damit wirbt jedenfalls die Münchner Messe für Elektromobilität. Neue Mobile können Verbraucher dort probefahren, doch die aktuellen Technik-Probleme bleiben.

Thomas Magenheim
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Der Elektroroadster Tesla fährt auf der Teststrecke der Messe. -Foto: dpa

MünchenMünchen - Das riesige Exponat in der Münchner Messehalle C3 sieht auf den ersten Blick aus wie eine normale Straßenlaterne. Dann fallen die integrierten Steckdosen auf. „Strom ist überall, wir müssen ihn nur anzapfen“, sagt Robert Metzger, Organisator der neuartigen Messe. Erstmals weltweit hat er nach eigenen Angaben Stromtankstellen, Batterietechnologen und Autohersteller unter einem Dach versammelt, um der Elektromobilität eine eigene Plattform zu geben. Ecartec heißt die neue Messe, zu der jedermann Zutritt hat. Am Dienstag öffnete sie mit 195 Ausstellern in München ihre Tore. Noch bis Donnerstag dauert die Veranstaltung. „Die Zukunft des Elektromobils beginnt jetzt“, erklärt Organisator Metzger zum Auftakt.

Vor allem umlagert sind die Stände der 50 Elektrofahrzeuge auf zwei, drei oder vier Rädern, die die Ecartec präsentiert. Die Spannbreite reicht vom Elektroroller für 3000 Euro bis zum Elektrosportwagen für 180 000 Euro. Probefahren kann man auf einer eigenen Teststrecke. Viele Markennamen sagen dem Normalverbraucher nichts. Der bereits erhältliche Elektro-Kleinwagen „Think“ stammt aus Norwegen und damit nicht gerade aus einem Autoland. 2010 kommt Konkurrent „Benni“ aus China auf den Markt.

Aus Verbrauchersicht sei wohl der Preis für die Batterie das größte Hindernis für einen Durchbruch von Elektroautos, schätzt Martin März vom Fraunhofer-Institut. Derzeit verdopple die Batterie schlichtweg den Anschaffungspreis. „Aber wir stehen an der Schwelle“, glaubt der Experte. 2015 werde ein Elektroauto nur noch rund 4000 Euro Aufpreis kosten. Über den im Vergleich zu Benzin billigen Strom amortisiere sich diese Investition dann binnen drei bis vier Jahren, was den Massenmarkt öffnen werde.

„Es wird ohne Elektroautos nicht mehr gehen“, glaubt auch Karl-Joseph Kühn von Siemens. Er meint damit aber weniger den Effekt für die Umwelt, sondern die Stromversorgung der ganzen Welt. „Autos werden mobile Energiespeicher“, sagt er für die nahe Zukunft voraus. Ist ein Elektromobil per Steckdose über das Stromnetz verbunden, könne der Strom in beide Richtungen fließen. Auf einem Firmenparkplatz stehende Stromer können damit angezapft werden, solange der Fahrer arbeitet. Über parkende Elektroautos lasse sich auch die private Wohnung mit Strom versorgen. 20 Millionen Elektromobile sind ein Äquivalent für 200 Großkraftwerke, hat Siemens errechnet. Glaubt man Experten wie Kuhn, ist die Revolution in der Automobiltechnik keineswegs nur auf das Gefährt selbst beschränkt.

Dort dürfte sie aber am stärksten sichtbar werden. Denn Elektroautos eröffnen dem Design neue, noch vielfach ungeahnte Freiheiten, schwärmt März. Heute sei es so, dass Hersteller für ihre ersten Prototypen herkömmliche Vehikel mit Verbrennungsmotor „entkernen“ und ihnen einen Elektromotor einpflanzen. „Mit der Elektromobilität wird das Auto aber neu erfunden“, betont März. Traditionelle Komponenten wie Getriebe, Tank, Kupplung oder Kolben fielen künftig weg und damit auch die entsprechende Zulieferindustrie. Gleichzeitig werde die Antriebstechnologie in Form von Radnabenmotoren in die Räder verlagert. Kuhn sagt im großen Stil neue Spieler und Marken an den Kfz-Märkten voraus, die die traditionelle Industrie bedrohen können.

Futuristisch mutet an, was einige Autodesigner auf der Messe als ihre Version der Zukunft präsentieren. Nicht jede Studie erinnert dabei noch an ein Auto. Eine ähnelt eher einer verglasten Tonne mit Sitzplätzen darin. Technologische Visionen würden von Zeitgenossen auch oft falsch eingeschätzt, warnt Infineon-Chef Peter Bauer, der mit seinem Chipkonzern mit Halbleitern am Auto der Zukunft mitbauen will. Er verweist auf eine prominente Fehleinschätzung vor mehr als 100 Jahren. „Das Auto hat keine Zukunft“, hatte Kaiser Wilhelm II. damals gesagt, „ich setze auf das Pferd.“ Thomas Magenheim

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