Wirtschaft : Elisabeth Napieray

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„Na, hat Dir Dein Schatz geschrieben? Nein? Meiner hat auch nicht geschrieben.“

Auf den schwarzen Ledersessel neben der Pforte sitzt heute nur noch selten jemand. „Früher“, sagt die Pförtnerin des Katholischen Frauenbundhauses, „saß hier immer die Frau Napieray.“ Stundenlang saß sie tief in den Polstern. Mit großen Augen habe sie verfolgt, wie Bischöfe, Kardinäle und auch weltliche Prominenz zu den Seminaren und Treffen in dem West-Berliner Zentrum der katholischen Kirche eingetroffen sind. „Sie wollte hier ein bißchen am Leben schnuppern. Sie wollte Gesellschaft haben“, sagt die Pförtnerin.

Elisabeth Napieray erwartete nicht viel vom Leben. Bescheiden und optimistisch beschämte sie diejenigen, die mit Zorn und Bitterkeit auf die verpassten Gelegenheiten des Lebens zurückblickten. Auf eine anrührende Weise war sie ihrem Schicksal dankbar, das es, davon war sie überzeugt, so gut mit ihr gemeint hat. Sie erzählte von ihrem Vater, der sie nach dem frühen Tod der Mutter nicht in ein Heim gegeben, sondern bei sich behalten habe. Gekocht habe er für sie. Und dankbar war sie auch dafür, dass der Vater sich um ihre Ausbildung gekümmert hat.

Begabt muss sie gewesen sein. Die Verkäuferinnenklasse der „Städtischen Pflichtfortbildungschule für Mädchen in Berlin“ schloss sie 1927 mit Bravour ab. Rechtschreibung, Rechnen und Schrift: alles „sehr gut“. Und Elisabeth war inzwischen eine hübsche Frau mit lustigen Mandelaugen und einem kecken Lächeln geworden.

Mit 30 Jahren verlobte sie sich, dann kam der Krieg. 1941 ließ Elisabeth Napieray sich beim Fotografen Schulz in der Wilmersdorfer Straße ablichten. Einen kleinen, schwungvollen Hut trug sie auf den frisch ondulierten dunklen Locken. Freundlich lächelnd blickte die 32-Jährige in die Kamera. Das Foto und einen letzten Gruß schickte sie an die Front. Mit schönen, exakten Buchstaben schrieb sie auf die Rückseite: „Dir mein geliebter Günther, ein herzliches Gedenken zu Deinem Geburtstage in weiter Ferne. Auf ein baldiges Wiedersehen hoffend grüßt und küßt Dich tausendmal Dein Ellchen.“

Es war Günthers letzter Geburtstag. Er kam aus dem Krieg nicht mehr zurück. Elisabeth mochte ihn nie vergessen und blieb nun ledig. Sein Bild bekam einen Ehrenplatz in ihrer Wohnung. Und wenn sie später im Frauenbundhaus Mitbewohnerinnen sah, die an der Pforte ihre Post abholten, fragte sie auch noch mit über 80 Jahren: „Na, hat Dir Dein Schatz geschrieben? Nein? Meiner hat auch nicht geschrieben.“

1962 zog die ehemalige Kassiererin aus Siemensstadt nach Charlottenburg in das Wohnheim für alleinstehende Frauen am Lietzensee. Damals war Elisabeth Napieray 53 Jahre alt. Die Möbel, die sie mitbrachte waren nicht mehr neu. Zwei dunkelbraune Wohnzimmerschränke mit Glaseinsatz, ein Tisch, ein mittelbrauner Sessel, ein Bett. Mehr konnte sie in der 25 Quadratmeter kleinen Wohnung mit Toilette und Kochschrank nicht unterbringen.

40 Jahre lang hat sich im ersten Stock in der Wohnung mit der Nummer 41 nichts verändert. Der dunkle Linoleumboden ist abgenutzt und rissig, die Möbel abgegriffen. Die wenigen Habseligkeiten, ein paar Bücher, Fotos, Kleidung sind schon in Plastiktüten verpackt. Es gibt keine Verwandten, die sie abholen könnten.

Überhaupt kann sich keiner im Haus daran erinnern, dass Elisabeth Napieray einmal Besuch bekommen hätte. 1999, zum neunzigsten Geburtstag, sei einmal ein Päckchen aus München für sie gekommen, von einer Familie, deren Kinder sie früher einmal gehütet habe. Für Elisabeth Napieray waren die Menschen im Frauenbundhaus ihre Familie. Mit ihrem unverwechselbaren Lächeln ist Elisabeth Napieray in ihrer Wohnung eingeschlafen.

Sie war eine frohe Frau, „wunschlos glücklich“, das sagte sie selbst. „Was habe ich es gut: Ich habe ein sauberes Bett. Es gibt fließend heißes Wasser, und meine Stube ist beheizt.“ Ursula Engel

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