Wirtschaft : Elisabeth Weisenhorn im Gespräch: "Man darf den Trends nicht blind hinterherlaufen"

Frau Weisenhorn[in der deutschen Fondsbranche gib]

Elisabeth Weisenhorn (44) zählt zu den renommiertesten Fondsmanagerinnen. 15 Jahre lang verwaltete die Volkswirtin für die Deutsche-Bank-Tochter DWS ein milliardenschweres Anlagevermögen. Mit dem Traditionsfonds Investa erzielte sie überdurchschnittliche Renditen. Die DWS warb für Weisenhorn mit dem Slogan "Die Frau, die Millionäre macht". Im Juli 2000 machte sich Weisenhorn zusammen mit ihrem Bruder mit der Vermögensverwaltung Weisenhorn & Partner selbstständig. Ihr jüngstes Produkt, der Neue-Märkte-Fonds, ist bislang ein Misserfolg mit rund 40 Prozent Minus seit August.



Frau Weisenhorn, in der deutschen Fondsbranche gibt es wenige Stars. Sie zählen dazu. Ist der Personenkult nicht auch gefährlich?

Ein Kult wäre in der Tat bedenklich. Es muss um die Leistung und um die Expertise des Fondsmanagers gehen. Ich jedenfalls habe einen Kult nicht gefördert, sondern immer darauf hingewiesen, dass man sich seinen Ruf jeden Tag hart erarbeiten muss.

Wie einflussreich ist denn ein Fondsmanager?

Wenn man den Einfluss am zur Verfügung stehenden Anlagekapital misst, könnte man ihn hoch einstufen. Aber das stimmt so nicht. Der Anleger hat uns den Auftrag gegeben, ordentliche Erträge zu erwirtschaften. Wir prüfen die Unternehmen, in die wir investieren, kritisch. Und kaufen oder lassen es. Wenn ein Vorstandschef Letzteres als Druck empfindet, dann haben wir einen gewissen Einfluss.

Bei der Deutschen Bank waren Sie sehr erfolgreich. Seit einem halben Jahr haben Sie Ihr eigenes Vermögensberatungs-Unternehmen. Was können Sie heute tun, was Sie vorher als Fondsmanagerin bei der DWS nicht tun konnten?

Es ist eine Weiterführung dessen, was ich bis zum Frühjahr getan habe. Hier sind wir noch näher am Kunden dran. Das eröffnet neue Chancen auch als Fondsmanagerin.

Viele Unternehmen hoffen, dass sich Fonds bei Ihnen engagieren.

Natürlich. Der Kapitalmarkt ist für die Unternehmen eminent wichtig für die Finanzierung ihrer Pläne. Fonds als Kapitalsammelstelle sind für die Firmen eben von großer Bedeutung. Glücklicherweise. Vor zehn, 15 Jahren war das noch nicht so.

Wann kommt ein Unternehmen bei Ihnen in einen Fonds? Wann fliegt es wieder raus?

Das ist relativ simpel: Wenn ich die Chance sehe, mit dem Unternehmen mehr Geld zu verdienen als mit anderen, nehme ich das Papier auf. Der Geschäftsplan und die Leute, die dahinter stehen, müssen mich überzeugen. Wenn es zu knirschen anfängt und es Anzeichen gibt, dass nicht mehr alles stimmt, muss nochmals überprüft werden.

Der Neue Markt hat ein katastrophales Jahr hinter sich. Was ist Ihre Erklärung für den Absturz?

Eine Korrektur war nach der Übertreibung im Frühjahr notwendig. Bis September/Oktober lief das auch in geordneten Bahnen. Der anschließend scharfe Rückgang war nicht zu erwarten. Auch nicht, dass etliche Unternehmen nicht das halten konnten, was sie uns und wir uns von ihnen versprochen hatten. Auch wir sind nicht vor Enttäuschungen gefeit.

EM.TV war ein schwerer Schlag. Fühlen Sie sich getäuscht?

Mit Sicherheit bin ich enttäuscht. Erst die Ermittlungsergebnisse werden zeigen, ob Anleger hinters Licht geführt wurden.

EM.TV ist nicht die einzige Enttäuschung am Neuen Markt. Ist das Management vieler Unternehmen zu schlecht?

Es ist eine Mischung: Es sind die Märkte, die nicht mehr hergeben. Die Stimmung war vielleicht generell zu positiv. Manche Vorstände haben ihre Situation zu rosig dargestellt und zu euphorisch gehandelt und dabei zu wenig auf die Kosten geachtet. Wieder andere waren überfordert vom starken Wachstum ihres Unternehmens, haben die Dynamik unterschätzt und das Controlling vernachlässigt.

Brauchen wir schärfere Regeln und eine bessere Aufsicht am Neuen Markt?

Zumindest sollten die Unternehmer oder Vorstandsmitglieder kundtun müssen, wann sie Aktien des eigenen Unternehmens kaufen oder verkaufen. Die gerade eben von der Deutsche Börse AG angekündigten zusätzlichen Regeln gehen in die richtige Richtung.

War das enttäuschende Börsenjahr 2000 nicht auch ein Beitrag zum besseren Verständnis der Börse? Ein gesunder Prozess, der zeigt, dass es nicht nur nach oben geht?

Natürlich. Aber dass dieser Prozess so schmerzhaft sein würde, darauf hätten wir gern verzichtet. Vorsicht war ja schon bei den Höchstkursen im Februar angebracht. Man darf den Trends eben nicht blind hinterherlaufen. Es ist immer ein Problem, wenn neue Anleger in euphorischen Phasen an die Börse kommen. Trotzdem: Aktien haben auf die Dauer den besten Ertrag gebracht. Wenn wir weiter von einer wachsenden Wirtschaft mit einer funktionierenden Wirtschaftsordnung ausgehen, dann werden auch die Gewinne im Trend wachsen, und dann werden Aktien auch zukünftig attraktiv bleiben.

Ist die Erfolgsgeschichte der New Economy nach dem Fall der Internet-Werte zu Ende?

Wenn dieser Prozess zum Stillstand käme, wäre das höchst bedenklich. Schließlich hat die New Economy auch eine wichtige Funktion für die Volkswirtschaft. Fakt ist aber, dass die Ausgaben für Technologie im Laufe des Jahres deutlich nach unten revidiert wurden. Die Konjunkturprognosen waren generell zu positiv.

Wie sind die Aussichten für das nächste Jahr?

Nach der Entscheidung der US-Notenbank vom vergangenen Dienstag hat sich der Horizont zunächst nicht aufgehellt. Obwohl eine starke Abschwächung der Wirtschaft konzidiert wurde und gleichzeitig eine Änderung der Geldpolitik von restriktiv auf expansiv angekündigt wurde, hat die Fed kein positives Zeichen durch eine Zinssenkung gesetzt. Das wurde von den Märkten sehr negativ aufgenommen. Klar ist aber auch: Die Zinsen am kurzen Ende werden im nächsten Jahr fallen. Nach den heftigen Verkaufswellen der vergangenen Wochen dürfte endgültig das Schlimmste an den Märkten vorbei sein. Tatsächlich werden wir die Wirkungen des schwächeren Wachstums auf die Unternehmensgewinne erst noch sehen. Die Gewinnwarnungen sind also noch nicht zu Ende. Allerdings haben die Märkte, insbesondere ausgewählte Sektoren im Technologiebereich oder auch zyklische Werte nunmehr Bewertungen erreicht, die eine starke wirtschaftliche Abschwächung vorwegnehmen. Generell gilt es, wie immer, die Anlagen zu streuen, nicht alles auf eine oder wenige Aktien zu setzen und eben auch nur Teile davon in den Neuen Markt.

Wie steht es um die Biotechnologie, die bislang von der Korrektur verschont geblieben ist?

Da bin ich skeptisch. Biotechnologie-Aktien, Pharma- und auch Nahrungsmittel-Unternehmen laufen schon zu lange sehr gut. Die Bewertungen sind eher hoch, es könnte zu Enttäuschungen kommen. Auf Dauer allerdings hat die Biotechnologie erhebliches Potenzial. Aber vergessen sollte man nicht: Es kommen nur etwa 30 Prozent der Substanzen, die erforscht werden, tatsächlich auf den Markt.

Bei Internet-Werten hat es in diesem Jahr einen Favoritenwechsel gegeben: Weg vom Privatkunden - hin zum Business-to-Business-Geschäft. Was kommt 2001?

Auch hier entwickeln sich die Dinge langsamer als erwartet. Das Internet für den Konsumenten muss noch mehr Tempo bekommen. Ich habe selbst über das Internet Weihnachtsgeschenke gekauft, aber es war durchaus mühsam. Erst der wiederholte Anlauf war erfolgreich.

Gigabell war die erste Pleite am Neuen Markt. Wird es weitere geben?

Das ist durchaus möglich. Etliche Unternehmen sind zu früh an die Börse gekommen, mit zu wenig Umsatz und mit noch nicht ausgereiften Produkten. Aber es ist nicht fair, dass viele Unternehmen von den Anlegern nur deshalb nicht mehr mitgetragen werden, weil die Wachstumsraten nicht ganz so hoch sind wie erwartet. Die meisten Geschäftsmodelle stimmen ja noch. Es geht halt nur etwas langsamer. Man darf von den Investoren etwas mehr Durchhaltevermögen erwarten.

Zuletzt waren die traditionellen, eher defensiven Aktien wieder sehr gefragt. Welche Chancen bietet die Old Economy 2001?

Hier kommt es vor allem auf die einzelnen Unternehmen, aber auch die richtigen Branchen an. In unserem Weisenhorn-Fonds Europa sind zum Beispiel Vodafone, Münchener Rück, Fresenius und SAP vertreten. In unserem Amerika-Fonds legen wir dagegen mehr Wert auf die Branchen, derzeit setzen wir wieder sehr stark auf die Technologie.

Wagen Sie eine Prognose: Wo steht der Dax Ende 2001?

Nach dem durchwachsenen Börsenjahr 2000 sieht das Szenario für die Märkte, auch für den Dax, generell wieder etwas freundlicher aus.

Sie sind bei André Kostolany in die Lehre gegangen? Was haben Sie gelernt?

Ein Motto: Die Wirtschaft und die Börse sind wie der Spaziergänger mit dem Hund. Mal ist der Hund vorne, mal der Spaziergänger. Wichtig ist aber vor allem: Beide müssen vorankommen. Und sie kommen voran.

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