Wirtschaft : Elisabeth Wust

(Geb. 1913)||Jaguar versprach ihr: „Ich werde dich nie allein lassen.“

Annette Kögel

Jaguar versprach ihr: „Ich werde dich nie allein lassen.“ Meine Aimée! Ich liebe dich so sehr, dass ich dir gar nichts schreiben kann. Dein treuer, mutiger, edler, wilder Jaguar – September 1943.

Jaguar hieß eigentlich Felice Schragenheim, Aimée – das war Elisabeth Wust. Jaguar wurde vor 62 Jahren von den Nazis ermordet. Aimée widmete ihr ein Ehrenzimmer, in dem sie Bilder und Liebesbriefe wie diesen verwahrte. Das Zimmer in der Wohnung in Lichterfelde Süd gibt es noch, die Wände sind schwarz vom Kerzenruß. Jeden Tag zündete Aimée für Jaguar eine Kerze an, bis zuletzt.

Die Erinnerungsstücke, zwei Koffer voll mit Gedichten und Tagebüchern, hat Aimées Sohn jetzt dem Jüdischen Museum übergeben. Seit ein paar Jahren gibt es ein Buch und einen Film, „Aimée und Jaguar“ – das ist die Geschichte dieser Berliner Liebe.

Als sie Felice Schragenheim kennen lernt, ist Elisabeth Wust, genannt Lilly, 29 und eine Mitläuferin des Nazi-Regimes. Treudeutsche Gnädigste, Mutter von vier Kindern, mit einem strammen Wehrmachtssoldaten verheiratet. Der trieb es mit ihrer besten Freundin und nicht nur mit der. Leidenschaft spielte in Lilly Wusts Leben bis jetzt keine Rolle.

Am 27. November 1942 begleitet sie ihre Haushälterin ins Café Berlin, gleich neben dem Ufa-Palast. Die Haushälterin ist eine vom anderen Ufer. Im Café stellt sie Lilly Felice vor, diese gepflegte Brünette im rostroten Kostüm aus englischem Tuch, mit langen Beinen, glänzenden Seidenstrümpfen, feingliedrigen Händen, edlem Parfüm. Jedes Detail hält Lilly fortan in ihrem Tagebuch fest.

Du, alles was ich denke, ist nur: Felice! Du hast mich vollständig verwandelt. Das bin ich ja gar nicht mehr. Ich, ich will in deiner Welt leben und sollte es tausend Schmerzen kosten.

Es kostet erst einmal Mut. Felice ist Jüdin, die „Arierin“ Lilly versteckt sie bei sich. Lilly Wusts Mann ist im Krieg. Als er auf Heimaturlaub ist, stellt Lilly ihm Felice als gute Freundin vor. Er muss in den Krieg zurück und kommt nie wieder.

Gut eineinhalb Jahre haben die Frauen einander, eine Hochzeit stellen sie nach und tauschen Ringe. Sie setzen einen Ehevertrag auf: Aimee versichert Jaguar, „fleißig für dich und die Kinder und mich zu sein, für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen, dir unbedingt treu zu sein“. Jaguar verpflichtet sich „bei allen Göttern, Heiligen und Maskottchen: Ich werde mich nicht mehr nach hübschen Mädchen umdrehen, höchstens um festzustellen, dass du hübscher bist.“ Und: „Ich werde dich nie allein lassen.“

In den Fünfzigern wird Elisabeth Wust noch einmal heiraten. Einen Mann. Nicht aus Liebe, sondern aus Verzweiflung. Die Kinder brauchen einen Vater und sie einen Ernährer. Lange hält das nicht. Was hält, ist die Erinnerung an Felice.

Aimée will Deutschland verlassen, sich umbringen. Und bleibt dann doch. Sie muss doch ihrer Felice ein Denkmal setzen. Lilly Wust schreibt Anfang der Neunziger mit der Autorin Erica Fischer das Buch „Aimée und Jaguar“, dann gibt es den Film. Alfred Biolek lädt sie in seine Sendung ein, da spricht sie zum ersten Mal im Fernsehen über ihre Liebe zu Frauen.

Da ist eine kleine Botschaft, die ich gern überbringen möchte. Es gibt so viele unglückliche Ehen, und die Frauen wissen nicht warum.

Aber eine Vorzeige-Lesbe will sie nicht sein. Schrecklich findet sie diese Filmszene, in der die greise Aimée im Altersheim einer jungen Frau auf den Hintern schielt, eine genauso blöde Übertreibung wie die Szene, in der ihr Mann sie schlägt. Noch furchtbarer empfindet sie es, wenn es heißt: „Lilly Wust, die erste Lesbe Deutschlands!“

Menschen aus aller Welt danken ihr in Briefen für die Offenheit und schütten ihr Herz aus. Frauen machen ihr Avancen. Doch es gibt auch solche Briefe: „Sie sind pervers!“ „Nazi-Schlampe!“ Einmal schmiert jemand Jauche an ihre Wohnungstür.

Draußen in der Welt ist sie die mutige Aimée, zu Hause ist sie allein. Lilly Wust wird depressiv. Sie stellt sich immer wieder diese Fragen: Würde Jaguar noch leben, wenn ich sie weggeschickt hätte aus Berlin? Hätte ich sie besser nicht in Theresienstadt besuchen sollen?

Lilly Wust kann sich mit nichts ablenken. Für Buch und Film hat sie nur wenig Geld bekommen. Wegen der Kinder hat sie nie einen Beruf erlernt, bis ins hohe Alter geht sie putzen. Ein befreundetes Ehepaar kümmert sich darum, dass ihre Wohnung renoviert wird.

Sie ist schon über achtzig, da tritt noch einmal eine Frau in ihr Leben. Sie ist viel jünger, aber es wird eine Romanze, zumindest auf Zeit. Die Frau lädt Lilly zu Reisen ein, nach Frankreich, nach Kanada. Das tut ihr gut.

Lillys Sohn Eberhard kann sich nicht an Felice erinnern. Aber an den Tag, als die Nazis sie aus der Wohnung holten. „Da hörte Mutti nicht mehr auf zu weinen“, sagt der Mann, der heute 68 Jahre alt ist und in Israel lebt. Seine Mutter hat er regelmäßig in Berlin besucht und für sie gekocht, damit sie sich wie im Urlaub fühlte. Nicht alle ihre Kinder konnten die Liebe zu einer Frau so akzeptieren wie er.

Eberhard sagt: „Mutti war hellwach, bis zuletzt.“ Sie stellte den Wecker auf fünf Uhr und machte sich zwei Stunden lang für den Tag zurecht. So konnte sie der Schwester von der Sozialstation gepflegt unter die Augen treten. Dann blätterte sie im „Tränenbüchlein“ mit den Abschriften der Liebesgedichte und in den alten Briefen. Einen der letzten hatte Jaguar im November 1944 aus dem KZ Groß-Rosen an Aimée geschickt:

Mein Liebes - eben kommt die Schwester und sagt, wir kämen hier weg. Bete und halte die Daumen! Immer deine F.

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